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Regenwald, Pantanal und Rio

Die verschiedenen Gesichter Brasiliens

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In der diesjährigen Abizeitung der Ricarda-Huch-Schule war ich im Ranking „Weltenbummler“ nur auf Platz zwei im Kollegium gekommen. Die Schwefeltyrannen pfeifen es von den Dächern: Dirk und ich sind wieder unterwegs.
Die Schwefeltyrannen pfeifen es von den Dächern: Dirk und ich sind wieder unterwegs.
Was für eine Blamage! Da Brasilien mit einer Fläche von gut 8.500.000 km² nicht wesentlich kleiner als ganz Europa zusammen ist, war meine Hoffnung, durch dieses Ziel ein paar zusätzliche Punkte zu sammeln, um wenigstens beim nächsten Mal ganz oben auf dem Treppchen zu stehen.

Außerdem wollten Dirk und ich mal wieder viel Natur und vor allem Tiere in freier Wildbahn sichten. „Was für Tiere gibt es denn da so?“, wurde ich des Öfteren gefragt. Hmm, so genau wusste ich das eigentlich auch nicht. Affen fielen mir spontan ein und natürlich Jaguar und Puma. Dass ich danach bereits ins Stocken geriet, war ein weiterer Grund, mich mal direkt vor Ort umzusehen.

29. Juni (Freitag)

In Fortaleza im Nordwesten von Brasilien mussten wir unser Gepäck in Empfang nehmen, um es dann erneut aufgeben zu können. Dirks Tasche lag relativ früh auf dem Fließband, während mein Koffer ganz am Ende kam, obwohl wir beide diese direkt nacheinander aufgegeben hatten. Unsere Verwunderung darüber legte sich, als Dirk nach 20 Minuten feststellte, dass er die falsche Tasche vom Band genommen hatte.[1][1] Natürlich korrigierte er dies noch. Ich vermute auch, die Damenbekleidung hätte ihm nicht gut gestanden.

In der Schlange bei der Einreise übten wir noch schnell die wichtigsten Begriffe auf Portugiesisch ein, obwohl wir zu dem Zeitpunkt noch davon ausgingen, dass man mit Englisch recht gut zurechtkommen würde. Überraschenderweise war das bereits auf dem Flughafen und auch im Anschlussflug nicht der Fall. Dafür erkundigte sich der Steward etwas verzweifelt, ob wir denn nicht lieber etwas Deutsch könnten, und auch unser Fahrer in Manaus begrüßte uns in unserer Muttersprache. Er erzählte uns, dass während des großen Kautschuk-Booms so viele Ausländer dorthin geströmt seien, dass es fünf wichtige Sprachen gäbe: Spanisch, Portugiesisch, Englisch, Deutsch und – auch wieder überraschend – Arabisch.

Manaus liegt knapp 100 m über dem Meeresspiegel mitten im Urwald, wo der Rio Negro in den Amazonas fließt. Von dort bis zu seiner Mündung ist er noch rund 1700 km unterwegs, was einem durchschnittlichen Gefälle von weniger als 6 cm pro Kilometer entspricht. Überspitzt formuliert ist der Amazonas also eher ein langgezogener riesiger See.[2][2] Im Frühjahr gibt es aufgrund des Tidenhubs im Atlantik sogar bis zu fünf Meter hohe Wellen, die den Fluss bis zu 800 km hinauf laufen. Es ist noch umstritten, ob er länger als der Nil ist, aber er ist auf jeden Fall mit Abstand der wasserreichste Fluss der Erde. Zu Zeiten von Gondwana[3][3] Die Älteren von uns erinnern sich vielleicht noch. floss der Fluss vermutlich noch in die andere Richtung und bei Peru ins Meer, was erklärt, warum es in seinem heutigen Oberlauf etliche Fischarten gibt, die ursprünglich im Salzwasser lebten.

30. Juni (Samstag)

Laut Reisebeschreibung durften wir heute für unsere Weiterfahrt zur Lodge jeder nur 5 kg einstecken.[4][4] Dies entspricht ungefähr dem Gewicht meiner Fotoausrüstung. Am Vorabend war dann immerhin Irgendwo da vorne ist ein schmaler Durchlass, durch den es weiter ging.
Irgendwo da vorne ist ein schmaler Durchlass, durch den es weiter ging.
schon von 10 kg die Rede, aber schließlich mussten wir doch nichts zurücklassen.[5][5] Eigentlich waren wir auf das Aussortieren vorbereitet gewesen und hätten dann den Rest unserer Sachen vier Tage lang im Hotel gelassen, aber so war es uns lieber.

Zunächst bestiegen wir einen nagelneuen riesigen Kleinbus, der uns zwei zum Fluss brachte, wo wir ein Boot bestiegen, das uns über den Zusammenfluss von Amazonas und Rio Negro transportierte. Anschließend enterten wir einen klapprigen VW-Bus, der so alt war wie Dirk und ich zusammen. Nach einer holprigen Stunde durften wir wieder in ein gemütliches Schnellboot umsteigen, sodass wir schließlich nach dreieinhalb Stunden die Lodge, die rund 60 km südlich von Manaus lag, erreichten. Die Kartons, die unser Lotse Erwin zur Lodge mitbringen sollte, waren leider nicht so erfolgreich, blieben bei einer Umstiegsaktion am Straßenrand liegen und waren nie mehr gesehen.[6][6] Wir hatten während der Umstiege immer auf unser eigenes Gepäck aufgepasst, was dadurch mitgekommen ist.

Die Amazon Turtle Lodge, die weder am Amazonas lag noch etwas mit Schildkröten zu tun hatte, gab sich als typische Lodge: Wir teilten unsere Behausung mit Insekten, Spinnen und Fröschen.[7][7] Wir wollten ja auch viele Tiere sehen. Dieser Nachtreiher war glücklicherweise erfolgreicher als wir.
Dieser Nachtreiher war glücklicherweise erfolgreicher als wir.
Letztere wohnten zeitweise in unserer Toilettenschüssel. Nachdem ich einen aus Versehen heruntergespült hatte, beschwerte sich Dirk darüber, dass es jetzt viel mehr Ameisen in unserem Badezimmer gäbe. Obwohl die Wände der einzelnen Hütten so undurchlässig waren wie Schweizer Käse, gab es keine Moskitonetze über unseren Betten. Aufgrund des nährstoffarmen Wassers sollte es hier aber sowieso wenige Insekten geben und Malaria sei in der Umgebung gänzlich ausgerottet. Wir hatten anscheinend eine der günstigeren Hütten bekommen, denn wir mussten ohne Klimaanlage auskommen, was uns aber auch nicht überraschte. Wir waren schon verwundert, dass den ganzen Tag über der Strom eingeschaltet war. Außerdem waren die Fenster in allen Hütten ohne Glas, sodass eine sinnvolle Kühlung sowieso nicht gegeben war. Die Lodge hatte sogar einen kleinen Laden, der alles Mögliche führte. Nur Postkarten waren nicht dabei. Na ja, welcher Tourist benötigt die denn?

Nach dem Mittagessen fuhren wir zum Angeln raus. Zweieinhalb Stunden später hatten wir zu sechst gerade mal zwei kleine Piranhas gefangen, was unser Ergebnis aus Peru sogar noch unterbot..[8][8] Vgl. http://www.in-80-wochen-um-die-welt.de/peru.php. Ich weiß wohl, warum Angeln nicht meine Lieblingsbeschäftigung ist. Müsste ich mich davon ernähren, dann wäre ich wohl schon lange verhungert. Die Sonnenaufgänge am Amazonas waren sehr schön.
Die Sonnenaufgänge am Amazonas waren sehr schön.
Immerhin waren die beiden Fische, die zum Abendessen von der Küche zubereitet wurden, schmackhaft.

1. Juli (Sonntag)

Morgens fuhren wir mit dem Boot zu einer ehemaligen Plantage, wo uns unser Guide verschiedene Bäume, Früchte und Gemüse zeigte und erklärte. Die jeweiligen Namen waren leider sehr schnell wieder aus dem Gedächtnis verschwunden.[9][9] Meinen Schülern hätte ich deswegen natürlich unterstellt, dass sie nicht richtig aufgepasst hätten. Anschließend besichtigten wir noch das Haus der Besitzerin. Der kaputte Kühlschrank störte wohl etwas, aber wenigstens funktionierte der Fernseher.[10][10] Man muss auch Prioritäten setzen.

Mittags stießen drei Deutsche[11][11] Jedenfalls im weiteren Sinne. zu unserer Gruppe: Die nahezu-Wienerin Alexandra, sowie das Ehepaar Gisela und Franz aus Bayern[12][12] Sie waren aber trotzdem nett.. Franz konnte mit seinem gewaltigen 50–500 mm Objektiv durchaus Minderwertigkeitsgefühle auslösen, aber ich tröstete mich mit der besseren Qualität meiner Linsen und damit, dass Frank des Öfteren neidisch auf meinen Body schielte.[13][13] Damit ist natürlich der Body der Kamera gemeint – glaube ich zumindest …

Diese Gottesanbeterin hätte gerne weniger Aufmerksamkeit gehabt.
Diese Gottesanbeterin hätte gerne weniger Aufmerksamkeit gehabt.
Gegen 15.30 Uhr brachen wir mit dem Boot zur Nachmittagstour auf und bekamen heute endlich auch Flussdelfine zu sehen. Zum Abschluss fing uns Eduardo noch einen Kaiman, den wir in Ruhe studieren konnten. Insgesamt fanden wir in diesen Tagen deutlich weniger Tiere, als wir erhofft hatten. Die Vegetation stützt sich an dieser Stelle wohl auf einen relativ nährstoffarmen Boden und Wasser mit niedrigem pH-Wert, was zu einer geringeren Anzahl von Arten führt. Dazu kommen die hohen Bäume und das dichte Gebüsch, was die Sichtung zusätzlich erschwerte.

2. Juli (Montag)

Morgens brachen wir zu einem Trail durch den primären Regenwald auf.[14][14] Ich hatte nicht erwartet, dass es den hier noch gab, und bin mir nicht sicher, wie original er eigentlich war. Eduardo erklärte wieder jede Menge Pflanzen, deren Namen wir sofort wieder vergaßen.[15][15] Unser Gedächtnis ist auch nicht mehr so jung, wie es mal war. Außerdem merkte man sofort, wofür unsere Herzen schlugen. Obwohl es nur wenige Tiere (Spinnen, Schmetterlinge, Frösche …) zu sehen gab, fotografierten Dirk und ich diese viel eifriger als die vielen Bäume, die sich dafür nicht so schnell bewegten.

Nach dem Mittagessen gingen wir im Paraná do Mamori, in dem wir zwei Tage zuvor Piranhas geangelt hatten, schwimmen.[16][16] Wir wussten ja schon, dass keine mehr da waren. Das Wasser war abwechselnd sehr warm und erstaunlich kalt. Die Temperatur wechselte alle paar Meter ohne ersichtlichen Grund. Vermutlich lag das an irgendwelchen Strömungen, die in dem ansonsten fast stehenden Gewässer auftraten.

Am Nachmittag brachen wir wieder mit dem Boot auf und erlegten einige Vögel mit der Kamera. Insgesamt war es aber schwierig, Dieser Fischbussard hält vermutlich eine erbeutete Schnecke in den Klauen.
Dieser Fischbussard hält vermutlich eine erbeutete Schnecke in den Klauen.
sie dicht genug vor die Linse zu bekommen, da die gefiederten Freunde alle sehr scheu waren und meist schon davon flogen, sobald wir nur um die Ecke kamen.

3. Juli (Dienstag)

Die Vormittagstour war kurzweilig, führte uns in viele neue Seitenarme des Paraná do Mamori und bescherte uns viele neue Aufnahmen. Auch ein Faultier war darunter. Es war allerdings so weit weg, dass es auf den Fotos nur mit starker Vergrößerung zu identifizieren war.

Nach dem Mittagessen ging es wieder den langen Weg zurück nach Manaus. Im Hotel wollte uns Erwin, der uns bereits zur Lodge hin begleitet hatte, in der Lobby erwarten, weil er uns noch einen Stadtrundgang mit ihm aufgeschwatzt hatte. Er war nicht vor Ort und wir waren darüber ganz erleichtert, denn dafür wäre die Zeit sehr knapp geworden und wir wollten lieber selber noch die um die Ecke liegende San Sebastian-Kirche und die Oper besichtigen. In letztere führte allerdings nur noch eine portugiesische Führung, die wir uns ersparten. Die Chapada-Hochebene war früher mal ein Meer, das bei der Entstehung Südamerikas hoch gedrückt wurde. Die Landschaft glänzt mit steilen Klippen, schönen Felsformationen und malerischen Wasserfällen.
Die Chapada-Hochebene war früher mal ein Meer, das bei der Entstehung Südamerikas hoch gedrückt wurde. Die Landschaft glänzt mit steilen Klippen, schönen Felsformationen und malerischen Wasserfällen.
Dafür trafen wir ein paar venezolanische Straßenverkäufer, die vor den wirtschaftlichen und politischen Problemen ihrer Heimat geflohen waren, sich – wie zwei Millionen andere – in Brasilien über Wasser hielten und das, was an Geld übrig blieb, nach Hause schickten.

4. Juli (Mittwoch)

Unser Flieger startete bereits um 4.45 Uhr, sodass wir sehr früh aufstehen mussten. Nach dem Umstieg in Brasilia erreichten wir Cuiabá, wo uns bereits João Luiz erwartete. Sowieso waren fast alle und alles immer pünktlich da. Obwohl Dirk und ich überall unsere üblichen fünf Minuten zu früh aufschlugen, waren wir selten vor unserem Guide vor Ort und auch die Mitreisenden, so es sie denn gab, kamen nie zu spät.

Mato Grosso ist von der Fläche her der drittgrößte der 26 brasilianischen Bundesstaaten und heißt übersetzt „dichtes Gebüsch“. Wir waren aber auch nicht wegen der Kultur hergekommen, sondern wegen der Natur, die sich gleich Besonders zogen uns die Aras in ihren Bann, die elegant im Formationsflug an uns vorbeiflogen.
Besonders zogen uns die Aras in ihren Bann, die elegant im Formationsflug an uns vorbeiflogen.
im Parque Nacional da Chapada dos Guimarães eindrucksvoll präsentierte.

Nachdem wir uns sattgesehen hatten, was etwas dauerte, ging es weiter zum Mirador de Centro Geodesico, einem Aussichtspunkt, der die Mitte des südamerikanischen Kontinents signalisiert. Welche Mitte genau ließ sich leider nicht herausfinden, denn schon bei der Mitte Deutschlands gibt es deutlich verschiedene Ansichten.[17][17] Vgl. https://www.welt.de/reise/deutschland/article115225366/Wo-ist-sie-denn-nun-Deutschlands-wahre- Mitte.html Die Mitte Brasiliens hatten wir bereits am Vormittag zum Umsteigen genutzt: Brasilia. Genau aus diesem Grund wurde es 1956 gegründet und zur Hauptstadt gemacht.

Gegen Abend bezogen wir eine hübsche Pousada[18][18] In Brasilien ist eine Pousada meist eine familiär geführte Pension auf dem Lande. im Wald, die frei von Ungeziefern war, obwohl vor einem Fenster weder Glasscheibe noch Moskitonetz hing. Wir genossen den Abend bei Caipirinha auf der Terrasse mit einem herrlichen Blick über das unberührte, dicht bewaldete Tal.

5. Juli (Donnerstag)

Nach dem Frühstück um 7.00 Uhr fuhren wir kurz in die Stadt, um Postkarten zu bekommen, und wir fanden tatsächlich welche. Obwohl sie nicht besonders schön waren, kauften wir den halben Laden davon leer. Es war ganz schön viel los in unserer Badewanne.
Es war ganz schön viel los in unserer Badewanne.
Es gab aber auch nicht besonders viele. Anschließend ging es weiter zur Lodge Reino Encantado[19][19] Verzaubertes Königreich., die direkt an der Quelle des Rio Salobra lag, in dem unser nächster Programmpunkt, das Schnorcheln, stattfand. Zunächst waren wir nicht erfreut, als wir hörten, dass wir Schwimmwesten tragen mussten – vor allem da wir uns im Urlaub zuvor noch über andere Touristen, die mit ihren Schwimmwesten nur an der Oberfläche blieben, während wir bis zu den Schildkröten hinab tauchten, lustig gemacht hatten. Es stellte sich aber schnell heraus, dass es in dem teilweise weniger als einen Meter tiefen Fluss gar nicht darum ging, unter die Oberfläche zu kommen, sondern vielmehr darum, auf dem Wasser zu liegen und die Augen nach unten zu richten. Dazu passte diese Kombination gut. Im Wasser wimmelte es von Fischen, die uns sehr nahe kamen. Die Doraden schlugen uns durchaus mal mit der Schwanzflosse, wenn es ihnen doch zu dicht wurde, und die kleinen Putzerfische knabberten fleißig an unserer Haut herum, Auch viele andere Vögel, wie hier der Tüpfelbrustspecht, gaben ihr Stelldichein.
Auch viele andere Vögel, wie hier der Tüpfelbrustspecht, gaben ihr Stelldichein.
obwohl wir uns doch morgens noch geduscht hatten und eigentlich hätten sauber sein müssen. Manchmal waren sie so aggressiv, dass es weh tat und wir sie wegscheuchen mussten, was aber natürlich nur wenige Augenblicke hielt.

Am späten Nachmittag besuchten wir einen Palmenhain, in dem jeden Abend Unmengen von Aras übernachteten, was natürlich dazu führte, dass wir mal wieder viel zu viele Fotos von fliegenden und posierenden Vögeln machten. Okay, dazu waren wir ja auch hier und es hat viel Spaß gemacht, dem bunten Federvieh zuzuschauen.

6. Juli (Freitag)

Es ging wieder früh aus den Federn, um in der Dämmerung noch ein paar Tiere abzugreifen, aber leider fanden wir lediglich eine Kanincheneule, die wir auch drei Stunden später viel schöner in vollem Sonnenschein fotografieren konnten.

Nach dem Frühstück mussten wir zunächst Strecke machen und enterten endlich richtig das Pantanal über die Transpantaneira. Dieser Wegebussard überlegt, ob wir Beute oder Gefahr sind.
Dieser Wegebussard überlegt, ob wir Beute oder Gefahr sind.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich vor Beginn unserer Vorbereitungen zu diesem Urlaub nur ganz am Rande von diesem riesigen Feuchtgebiet[20][20] Es hat fast die Größe der alten Bundesrepublik. gehört hatte, das vor Tieren nur so überquoll. Ornithologen vermuten, dass es dort mehr Vogelarten gibt als in ganz Europa. Deswegen überschlugen sich ab sofort natürlich die Tiersichtungen: Der erste Schneckenbussard war eine Sensation, der zweite und dritte wurde noch freundlich fotografiert[21][21] Die neuen Bilder könnten ja besser sein als die vorherigen., auf den zehnten wurde kurz hingewiesen, der hundertste[22][22] Das ist keine Übertreibung. ging im Gewimmel unter. Auch der eine Kaiman, den wir am Amazonas gesehen hatten, verblasste nun ein wenig gegenüber den Horden, die hier an fast jedem Wasserteich vor sich hin dösten.

So tasteten wir uns sehr langsam[23][23] Dirk und ich sind nur schwer zum Vorwärtskommen zu motivieren, wenn wir Tiere im Sichtfeld haben. an unsere Fazenda heran und hätten fast das Mittagessen verpasst. Überraschenderweise schien sogar Dirk das gar nicht zu stören. Nachmittags ging es dann erneut auf Tour, um noch mehr Vögel, Säugetiere und Reptilien zu ergattern. Weiblicher Rotbrustfischer.
Weiblicher Rotbrustfischer.
Höhepunkt war heute wohl der Ameisenbär, während wir den Jaguar, den andere Urlauber gesehen hatten, dafür leider verpassten.

7. Juli (Samstag)

Nach dem Ausschlafen bis 7.00 Uhr und dem Frühstück ging es mit dem Boot raus. Vom Wasser aus sahen wir wieder viele Vögel und auch zwei Riesenotter, sowie ein paar neue Bewohner des Pantanals, die wir bisher noch nicht zu Gesicht bekommen hatten. Die anschließende kurze Runde mit dem Auto war dagegen eher ereignislos.

Nachmittags ritten wir mit Pferden aus, wobei das Verb „reiten“ etwas geprahlt ist. Wir setzen uns halt auf die Gäule und ließen uns durch die Gegend tragen. Wenn wir aktiv die Richtung oder die Geschwindigkeit ändern wollten, gehorchten die Vierbeiner sofort, falls sie das auch wollten, sonst war es manchmal etwas schwieriger.

Da wir den größten Teil der Zeit auf eher trockenem Boden unterwegs waren, sahen wir erstaunlich wenige Vögel. „Mein Schatz!“
„Mein Schatz!“
Außer Rehen, Hirschen und einem Wildhund war nicht viel Neues dabei.

8. Juli (Sonntag)

Um 5 Uhr morgens ging es auf der Transpantaneira Richtung Süden. Die Transpantaneira führt 147 km über nahezu ebenso viele Brücken, so man die notdürftig mit Nägeln befestigten Holzbohlen denn so nennen darf, mitten ins Herz des Sumpfgebietes und ist häufig gar nicht zu befahren. João Luiz fuhr zügig und wir erreichten Porto Jofre 2,5 Stunden später. Nach dem Frühstück ging es sofort mit dem Boot raus. Da wir über Funk schon erfahren hatten, wo sich ein Jaguar aufhalten sollte, ging es mit Vollgas 45 Minuten den Rio São Lourenço entlang. Kurz vor unserem Ziel fanden wir eine Familie Riesenotter, die Dirk und mich in ihren Bann zog, sodass wir erst etwas später die Raubkatze erreichten. Damit hatten wir noch knapp zehn Sekunden, bevor sie im Gebüsch verschwand. Der Jaguar ist nach dem Tiger und dem Löwen die drittgrößte Katze der Welt.
Der Jaguar ist nach dem Tiger und dem Löwen die drittgrößte Katze der Welt.
Wir waren froh, gerade noch rechtzeitig gekommen zu sein und sie gesehen zu haben, aber auch enttäuscht, dass sie so schnell wieder gegangen war.

Aber es gibt glücklicherweise eine unfehlbare Möglichkeit, ein seltenes Tier erneut ans Tageslicht zu bringen, und die nutzte ich: Ich wechselte vom Tele-Objektiv zum Weitwinkel-Objekt, um die Umgebung abzulichten, und tatsächlich: Sofort tauchte die Großkatze wieder auf, als ich sie nicht richtig fotografieren konnte. Das war aber nicht schlimm, da sie diesmal länger blieb.

Natürlich waren wir nicht alleine vor Ort. Gut zehn weitere Kähne mit durchschnittlich 4–5 Touristen darauf tummelten sich friedlich im Wettstreit um den besten Platz für das nächste Erscheinen der Samtpfote. Wenn sie sich zeigte, dann klackerten links und rechts die Spiegelreflexkameras mit bis zu 7 Bildern pro Sekunde im Dauereinsatz. Während 50 Kameras dem Jaguar folgen, schauen zwei Deppen in die andere Richtung und betrachteten den 50 cm entfernt liegenden Kaiman.
Während 50 Kameras dem Jaguar folgen, schauen zwei Deppen in die andere Richtung und betrachteten den 50 cm entfernt liegenden Kaiman.
Meine Ausrüstung lag preislich gesehen eher im Mittelfeld. In unserer Gegenwart könnten an diesem Tag durchaus 100.000 Aufnahmen gemacht worden sein und ich war nicht alleine schuld daran.

Den Jaguar ließ der Trubel anscheinend völlig kalt. Er tigerte[24][24] Ist dieses Verb hier angemessen? geduldig am Ufer entlang und durchquerte sogar den Fluss, damit die Sonne dann auch von der richtigen Seite auf ihn schien. Uns störte es auch nicht, dass er nur wenige Meter an dem flachen Boot vorbei schwamm, obwohl diese Art das kräftigste Gebiss aller Katzen hat. Nur eine Woche später brach der Jaguar Valerio im Zoo von New Orleans aus dem Gehege aus und erlegte innerhalb von 60 Minuten fünf Alpakas, ein Emu und zwei Füchse. Das nenne ich fleißig!

Nach gut anderthalb Stunden verließen wir den flauschigen Schmusekater wieder und wendeten uns anderen Tieren zu. Wir fanden erneut eine Familie Riesenotter, Mit der entsprechenden Motivation kommt ein Kaiman erschreckend weit aus dem Wasser.
Mit der entsprechenden Motivation kommt ein Kaiman erschreckend weit aus dem Wasser.
eine Jaguar-Dame und viele weitere Tiere, die den Trip abrundeten, bis wir gegen 15.30 Uhr das Schiff aufgaben und zur Lodge zurückkehrten.

9. Juli (Montag)

Über Nacht fiel die Temperatur deutlich durch einen Wind von Süden, der mit der kalten Luft leider auch Wolken mitbrachte. Gestern war es trotz T-Shirt und Fahrtwind noch warm gewesen, heute fröstelten wir in Pullover und Jacke.

Am Vormittag verschlug es uns zunächst wieder mit dem Boot der Lodge auf den Rio Claro. Der Fluss entspringt im Sumpfgebiet, dümpelt mit geringer Geschwindigkeit vor sich hin und versickert dann meist auch wieder im Sumpf.

Anschließend fuhren wir erneut mit dem Auto die Straße entlang und konnten noch ein paar wenige neue Arten entdecken, was bei der großen Anzahl auch nicht verwunderlich war.

10. Juli (Dienstag)

Unser Pantanal-Guide hatte uns die ganzen Tage mit seinem Engagement vor uns her getrieben. Hätte er nicht so viele Touren von früh-morgens bis zur Dämmerung angeboten, dann wären wir unsere Tage bei der Tierbeobachtung deutlich ruhiger angegangen. Auch die heutige Sun-Rise-Tour hätten wir gar nicht benötigt. Da es aber unsere letzte sein sollte, konnte ich Dirk noch einmal zum frühen Aufstehen motivieren. Wir waren pünktlich um 5 Uhr am Wagen, aber diesmal fehlte João Luiz, der sonst immer schon deutlich vor uns anwesend war. Zu seinem Unwillen hatte er verschlafen und erschien daher erst eine viertel Stunde später auf der Bildfläche. Na ja, das kann ja passieren.

Leider kamen wir erneut ohne eine Sichtung des Großen Ameisenbären und des Tapirs zurück, die sich uns einfach nicht zeigen wollten.

Nach dem Frühstück ging es sofort zurück nach Cuiabá zum Flughafen, den wir für unsere Verhältnisse sehr knapp erreichten, aber da das Flugzeug Verspätung hatte, mussten wir trotzdem warten.

In São Paulo angekommen war unser erster Programmpunkt, den Mietwagen abzuholen, was uns nicht sofort gelang. Auch dieser Fischbussard war erfolgreich gewesen.
Auch dieser Fischbussard war erfolgreich gewesen.
Um knapp 100 € zu sparen hatten wir eine Mietwagenstation genommen, die etwas außerhalb des Flughafens lag, und zunächst war das Shuttle dorthin nicht zu finden. Dank hilfsbereiter Brasilianer ließ es sich aber doch noch herbeirufen, sodass wir endlich in die Stadt fahren konnten. Der Verkehr erwies sich dabei als entspannter als befürchtet.

11. Juli (Mittwoch)

Nach dem Ausschlafen trotteten wir zunächst ein wenig durch die umliegende Nachbarschaft des Hotels und besichtigen dabei die schöne Kirche „Paróquia Nossa Senhora da Consolação“ und das Copan-Gebäude, von dem man einen guten Überblick über die Stadt erhalten konnte. Der Charme der größten Stadt Brasiliens erschloss sich uns dabei nicht. Man sah Hochhäuser, soweit das Auge reichte,[25][25] Das ist bei 21 Millionen Einwohnern in der Metropolregion auch kein Wunder. Trotzdem hatten wir es in anderen riesigen Städten (z. B. Singapur) schon ganz anders gesehen. aber es waren noch nicht mal richtig schöne dabei. Die meisten waren unansehnlich, befanden sich im Renovierungsstau oder auch beides. Natur schien absolute Mangelware zu sein, was uns nach den tollen Tagen im Pantanal besonders auffiel. Andererseits wollten wir aber auch genau diese Gegensätze erleben.

Danach nahmen wir an einem kostenlosen geführten Stadtrundgang teil, bei dem man hinterher eine Spende abgibt – ein sehr fairer Deal. Erschreckend war, wie viele Leute hier auf der Straße zu wohnen schienen.
Erschreckend war, wie viele Leute hier auf der Straße zu wohnen schienen.
Wir erfuhren viel über die unzähligen Gebäude, aber so richtig sprang der Funke nicht über. Das lag allerdings nicht an der Führerin, die sich viel Mühe gab, sondern an den sogenannten „Highlights“ der Stadt, die uns nicht umhauten.

Hinterher bummelten wir noch ein wenig weiter und vertieften ein paar Stellen, die auf dem Stadtrundgang nur kurz angerissen wurden. Dirk fand etwas, was er schon seit Jahren suchte: Jemand, der seine Schuhe putzte. Ich setzte mich etwas zweifelnd dazu, musste aber gestehen, dass meine Schuhe vermutlich noch nie so glänzend ausgesehen hatten. Dabei war natürlich klar, dass dies nicht lange halten würde.

Beim Abendessen im Restaurant gegenüber vom Hotel gab es Gerichte, die man zu zweit bestellte, was Dirk und ich auch machten. In der Nähe der Kathedrale von São Paulo sehen die Ampeln so aus.
In der Nähe der Kathedrale von São Paulo sehen die Ampeln so aus.
Die Fleischmenge war nicht groß, aber die Mahlzeit reichte gut für uns beide, sodass wir auch etwas zurückgehen ließen. Erst bei der Rechnung stellte sich heraus, dass wir zusammen nur die halbe Portion geordert hatten. Wir waren froh, dass wir nicht das volle Gericht bekommen hatten oder – sogar noch schlimmer – aus Sprachproblemen für jeden eines geordert hatten.

12. Juli (Donnerstag)

Wir stürzten uns ins Verkehrsgewimmel und verließen São Paulo mit dem Mietwagen. Die großen Ausfallstraßen waren etwas unübersichtlich, da sie teilweise aus zehn und mehr Spuren pro Richtung bestanden, die allerdings baulich voneinander getrennt waren. So konnte man nicht so einfach ganz nach rechts wechseln, wenn man demnächst in die Richtung abbiegen wollte. Außerdem nervte unser Navigationsgerät damit, dass es öfter mal ein „Links abbiegen“ empfahl, wenn man einfach nur ein bis drei Spuren in die Richtung wechseln sollte. Insgesamt gestaltete sich das Fahren allerdings als problemlos. Meist war uns nicht so ganz klar, wie schnell wir eigentlich gerade fahren durften, aber glücklicherweise gab es keine Probleme mit den ständig und überall auftauchenden Geschwindigkeitskontrollen, da diese in Brasilien vorher angekündigt werden müssen. So reichte es, nach den entsprechenden Schildern Ausschau zu halten und dann die nächsten 500 m zivilisiert zu fahren.

Die Küstenstraße entlang war die Landschaft sehr schön und es boten sich viele Strände zum Verweilen an. Noch am Vortag stand die Innenstadt von Paraty unter Wasser, was üblicherweise ein bis zweimal pro Monat geschieht. Die Häuser mit ihren hohen Schwellen sind darauf eingerichtet.
Noch am Vortag stand die Innenstadt von Paraty unter Wasser, was üblicherweise ein bis zweimal pro Monat geschieht. Die Häuser mit ihren hohen Schwellen sind darauf eingerichtet.
Strand ist allerdings irgendwie immer noch Strand und da es zum Baden gerade etwas frisch war, fuhren wir eher zügig an ihnen entlang. Wir hatten dabei nicht das Gefühl, dass wir für uns etwas verpasst haben.

Am frühen Nachmittag trudelten wir in Paraty ein, wo wir das am Vortag gebuchte Hotel bezogen und uns dann erneut einer Free Walking Tour anschlossen, bei der wir viel Interessantes erfuhren. Mit dabei war auch ein streunender Hund, der die Tour jeden Tag begleitete und die Teilnehmer gegen ein paar Streicheleinheiten vor anderen Hunden beschützte.

13. Juli (Freitag)

Zunächst nahmen wir an einer Jeep-Tour teil, die wir am Vorabend noch schnell gebucht hatten. „Teilnehmen“ passte nur so bedingt, da wir die einzigen Touristen waren. Es gab drei Wasserfälle zu besichtigen und eine Cachaça-Destillerie. Unser Guide sprach fließend Portugiesisch, war aber nicht dumm und benutzte im Notfall Hände und Füße oder eine Übersetzungs-App. Erster Anlaufpunkt war ein Wasserfall, der sich dann nach einer kurzen 50-Meter-Wanderung als die drei Wasserfälle offenbarte. Sie waren schön anzusehen, aber leider war uns das Wetter und das Wasser zu kalt, um darin zu baden.

Danach ging es zur Destillerie weiter, wo es ein paar Erklärungen auf Englisch gab. Anschließend hätten wir richtig tief in die Verköstigung einsteigen können, hielten uns aber aufgrund der Tageszeit und der bevorstehenden Autofahrt zurück.[26][26] Zumindest Dirk trank nichts, da er sich netterweise als Fahrer angeboten hatte. Insgesamt war es ein kurzer, aber durchaus gelungener Abstecher.

Nach dem Mittagessen fuhren wir – die Aussicht auf die schöne Costa Verde genießend – weiter bis Angra dos Reis[27][27] Bucht der Könige., das eigentlich ganz malerisch zwischen den Hügeln lag. Die schöne Insel Ilha Grande mit der Papageienspitze (Mitte hinten).
Die schöne Insel Ilha Grande mit der Papageienspitze (Mitte hinten).
Leider sah man dem Städtchen den starken Verfall an. Trotzdem genossen wir den Nachmittag am Pier.

Beim Abendessen bediente uns eine nette Dame, die eigentlich hätte merken müssen, dass wir kaum ein Wort Portugiesisch verstanden, aber trotzdem erzählte sie uns ihre ganze Lebensgeschichte, während sie unsere Sandwiches zusammenstellte. Immerhin bekamen wir genau das, was wir wollten bzw. noch vorrätig war.

14. Juli (Samstag)

Die Ilha Grande war laut unserer Reiseführer eines der wichtigsten Urlaubsziele ganz Brasiliens. Klar, dass wir diese Insel auch besuchen mussten. Das Problem dabei war nur, dass diese Attraktion aus einem halben Dutzend der insgesamt 86 Strände der Insel besteht. Dementsprechend kann man vor Ort jede Menge Bootstouren buchen, Die Geier kreisten schon über Dirk.
Die Geier kreisten schon über Dirk.
die die schönsten Badeorte der Reihe nach abklappern, jeweils eine halbe Stunde vor Ort verweilen und dann zum nächsten weiter schippern. Wir befürchteten, dass das nicht so unser Highlight werden würden.

Deswegen entschieden wir uns für eine kleine Wanderung auf den Pico do Papagaio. Je nach Quelle kann man den Trail, der so eine Mischung zwischen Wandern und Klettern ist, alleine meistern oder es wird unbedingt zu einem Führer geraten. Natürlich probierten wir es selbst. Google Maps half uns, wenn wir uns zu unsicher wurden, ob wir uns noch auf dem richtigen Pfad zur knapp 1000 m hohen Papageienspitze befanden.

Nach knapp drei Stunden kamen wir verschwitzt und ohne Probleme oben an und konnten die etwas diesige Aussicht und die uns umkreisenden Geier genießen. Runter war schwieriger für Dirks Knie, aber ich musste ihn nicht zurücklassen. Ich fand den Weg insgesamt nett und mir hat es gutgetan, mich mal wieder ordentlich austoben zu können und anstrengen zu müssen. Ob die Aussicht den Ausflug wert war, ist dagegen fraglich. Dirk hat die Aktion noch weniger überzeugt.

15. Juli (Sonntag)

Wir gönnten uns nach den Strapazen des vorigen Tages ein Ausschlafen bis halb Acht, was nach der schwierigen Nacht auch nötig war. Unser Hotel schien direkt im Discoviertel zu liegen und um zwei Uhr nachts ging es erst richtig los. Außerdem plärrte alle fünf Minuten die Alarmanlage eines Autos in der Nachbarschaft. Als Ausgleich dafür ließen sich die Fenster nicht wirklich schließen.

Ich durfte die Strecke nach Rio de Janeiro fahren, was ich genoss. Ich mag es, wenn das Autofahren ein wenig Herausforderung bietet, und es stört mich nicht, Auch diese Echse genießt die wunderschöne Aussicht vom Zuckerhut auf Rio.
Auch diese Echse genießt die wunderschöne Aussicht vom Zuckerhut auf Rio.
wenn die Leute um mich herum manchmal ein wenig unkonventionell agieren. Durch ihre flexible Fahrweise machten es mir die Brasilianer einfach, sich in den fließenden Verkehr einzufädeln oder langsam, aber stetig die Spur zu wechseln, auch wenn diese bereits belegt war. Manchmal überraschten sie mich trotzdem. Als ich das eine Mal gemächlich an einer bereits deutlich roten Ampel hielt, jagten auf der Spur neben mir noch zwei Autos hinüber. Ich zweifelte schon an meinem Regelverständnis, bis dann doch endlich ein dritter Wagen kam und hielt. Da brachte es mich auch nicht mehr aus der Ruhe, als ein weiterer Wagen sich zwischen uns hindurch schummelte und die Lichtzeichenanlage ignorierte.

Blick vom Zuckerhut auf Rio de Janeiro. Gut sieht man das viele Grün. Ganz links hinten am Rand liegt die Copacabana, etwas links von der Mitte steht die Christusstatue auf dem Corvocado.
Blick vom Zuckerhut auf Rio de Janeiro. Gut sieht man das viele Grün. Ganz links hinten am Rand liegt die Copacabana, etwas links von der Mitte steht die Christusstatue auf dem Corvocado.

Ein paar Dinge muss man einfach in Rio de Janeiro besucht haben. Dazu gehört der wohl berühmteste Strand der Welt: die Copacabana. Er (oder sie) war dann auch unser erstes Ziel, das wir leicht bekleidet in Badelatschen zu Fuß von unserem Hotel aus anpeilten.

Aber was macht einen guten Strand eigentlich aus?

Sand
Da ist die Copacabana wirklich super. Teilweise ist der Sandstreifen sehr breit und weder im Wasser noch an Land stören Steine, Muscheln oder andere spitze Gegenstände.

Luft
Die Luft war warm und die Kleidung trocknete schnell am Körper. Auf dem Pão de Açúcar (wörtlich übersetzt „Zuckerbrot“), der nach der ähnlich aussehenden brasilianischen Spezialität benannt ist, begrüßte uns ein Weißbüschelaffe und ich schnitt ihm beim Fotografieren ausgerechnet seinen schönen langen Schwanz ab.
Auf dem Pão de Açúcar (wörtlich übersetzt „Zuckerbrot“), der nach der ähnlich aussehenden brasilianischen Spezialität benannt ist, begrüßte uns ein Weißbüschelaffe und ich schnitt ihm beim Fotografieren ausgerechnet seinen schönen langen Schwanz ab.
So konnte man auch die nasse Badehose anbehalten.

Ruhe
Die vierspurige Strandstraße war wegen des Sonntags teilweise gesperrt und nur wenig befahren und außerdem genügend weit weg. Allerdings waren da ja auch noch die zehntausend anderen Leute rechts und links. Immerhin war genügend Platz für jeden da.

Wasser
Das Wasser war deutlich kälter als erwartet, aber durchaus erträglich, sobald man erst mal richtig drin war. Ich mag gerne hohe Wellen und wurde nicht enttäuscht. Allerdings sind die Strömungen vor der Küste so ungünstig, dass das Baden oft verboten und sogar lebensgefährlich ist. Das spricht also eher nicht für die Copacabana.

Tja, der beste Strand der Welt oder doch nicht? Keine Ahnung. Für mich war es ein touristisch voll erschlossener Strand, an dem ich mich gut ein paar Stunden (aber nicht mehr) aufhalten und in der tollen Brandung vergnügen konnte.

16. Juli (Montag)

Da die Museen geschlossen hatten, erstürmten wir zunächst den Zuckerhut und genossen die Aussicht auf Rio in der morgendlichen Sonne. Rio de Janeiro („Fluss des Januar“) liegt gar nicht an einem Fluss, sondern an einer Bucht, die irrtümlich für einen Fluss gehalten wurde. Die 13 Millionen Einwohner verteilen sich auf die flachen Abschnitte an den Buchten und die unteren Teile der teilweise steil aufsteigenden Berge, die bis zu 1000 m hoch sind. Vor dem Kunstwerk herrschte dichte Gedränge und man musste unbedingt ein Foto im Liegen machen – warum auch immer.
Vor dem Kunstwerk herrschte dichte Gedränge und man musste unbedingt ein Foto im Liegen machen – warum auch immer.
Dadurch wird die Metropole in kleinere Teile unterteilt, was die Aussicht auf die Stadt schön und abwechslungsreich macht – kein Vergleich zu São Paulo, das uns nicht so gefallen hatte.

Weiter ging es zur Christusstatue. Wir entschieden uns, den Weg hinauf nicht mit der Bahn, sondern mit einem Minivan zu machen, da dieser noch einen zusätzlichen schönen Aussichtspunkt ansteuerte. Außerdem waren wir so nicht an den strengen Zeitplan der Bahn gebunden. Es scheint eine gute Wahl gewesen zu sein. Die Statue selbst sieht von unten gewaltig aus, ist aber insgesamt gar nicht so groß. Sie ist gewissermaßen mit dem Scheinriesen Herrn Tur Tur aus Jim Knopf zu vergleichen. Von weiter weg thront sie riesig auf dem 710 m hohem Corvocado, von Nahem erschien sie mir deutlich kleiner, aber trotzdem schön.

Unser Auto schlummerte diesen und die nächsten Tage ungenutzt in der Hotelgarage des 4‑Sterne‑Hotels. Dabei kostete seine Übernachtung dort fast so viel wie die einer einzelnen Person und dabei bekam es dort vermutlich noch nicht mal Frühstück. Hätten wir unsere Reise im Vorfeld besser geplant gehabt, dann hätten wir es sicher schon vorher wieder abgegeben. In der Stadt unterwegs waren wir oft mit dem Bus oder der Metro. Die offizielle App war zwar ein schlechter Witz und Fahrpläne fanden wir nirgends, aber Google Maps und die durchaus vorhandenen kostenlosen WLANs wiesen uns den Weg. Die Escadaria Selarón ist eine sehr schöne Treppe, die ein chilenischer Künstler von 1990 bis 2013 verziert hat.
Die Escadaria Selarón ist eine sehr schöne Treppe, die ein chilenischer Künstler von 1990 bis 2013 verziert hat.
Und wenn diese versagten, dann fand sich immer auch eine freundliche Person, die uns half.

17. Juli (Dienstag)

Lisa, bei der wir eine Stadttour gebucht hatten, verspätete sich etwas – und damit ging das Desaster schon los. Wir taperten hinter ihr her durch die Stadt, während sie auswendig gelernte, meist oberflächliche Informationen von sich gab. Sie wusste schon einiges, verstand es aber nicht, die Fakten so zu strukturieren, dass sie sich zu einem sinnvollen Gesamtbild ergänzten, und man hatte das Gefühl, dass sie nicht mit Herzblut bei der Sache war. Mit all diesen Dingen unterschied sie sich deutlich von den Führern der letzten Blick auf eine Favela, in der Menschen aus der Mittelschicht wohnen. Die Gassen sind so eng (teilweise nur 1,5 m breit), dass die Feuerwehr im Brandfall keine Chance haben wird.
Blick auf eine Favela, in der Menschen aus der Mittelschicht wohnen. Die Gassen sind so eng (teilweise nur 1,5 m breit), dass die Feuerwehr im Brandfall keine Chance haben wird.
beiden Touren durch Parati und São Paulo, die uns wesentlich besser gefallen haben. Dafür gab es einige intime Einblicke in das vermeintliche ADHS-Problem ihres Sohnes, das uns eher am Rande interessierte. Dazu kam, dass ich aufgrund des Fotografierens zu ihren Erzählungen meist zu spät kam.[28][28] Ich sehe ein, dass das bei einer 20-Personen-Gruppe mein Problem ist, aber bei zwei Teilnehmern sollte eine ordentliche Führerin darauf doch Rücksicht nehmen können, oder? Daher gab es auch keinen Einspruch unsererseits, als die Tour anstatt nach acht Stunden bereits nach 6,5 Stunden endete.

Wir nutzten die Zeit, um das Museu Histórico Nacional anzuschauen, das uns durchgehend zweisprachig informierte und einen guten Überblick über die Geschichte Brasiliens bis 1900 bescherte. Es gab sogar einige wenige Informationen über die Zeit um Christi Geburt, auch wenn das Wissen darüber nicht besonders groß war.

Viele Restaurants in Brasilien bieten große Buffets an, bei dem sich die Kosten für das Essen nach dem Gewicht der gewählten Speisen berechnen. Man bezahlt also wie an der Wursttheke per Kilo, allerdings alle Sorten, die man gewählt hat, zusammen. Bob hatte sein Haus selbst gebaut und mit Mosaiken verziert.
Bob hatte sein Haus selbst gebaut und mit Mosaiken verziert.
Leider waren die Speisen meist billig, das Fleisch von minderer Qualität und vor allem im Schnitt eine Stunde über den optimalen Garpunkt hinaus.

Ganz anders war das heute Abend, da wir uns den Besuch einer Churrascaria gönnten, einem typischen brasilianischem Restaurant. Das Buffet mit den Beilagen war etwas kleiner, aber hochwertig und sehr gut sortiert. Das Fleisch wurde dagegen direkt am Tisch auf heißen Platten angerichtet oder an Spießen gebraten und frisch davon abgeschnitten. Die Kellner kamen so schnell mit den verschiedenen Fleischsorten an den Tisch, dass wir gar nicht mit dem Essen nachkamen. Natürlich haben wir mit viel zu viel Fleisch unseren Gaumen erfreut, sodass wir nach Hause eher kugelten.

18. Juli (Mittwoch)

Auch die heutige Favela-Tour hatten wir schon von Deutschland aus bei Lisa gebucht, aber sie hatte uns kurzfristig an den Kollegen einer anderen Firma überwiesen, Sonnenuntergang am Strand von Ipanema.
Sonnenuntergang am Strand von Ipanema.
was uns ganz recht war.

Rios Einwohnerzahl ist in den letzten Jahrzehnten so stark gestiegen, dass die Stadtplanung nicht für genügend Wohnraum sorgen konnte. Dies führte zu vielen illegalen Siedlungen, in denen heute ca. 25 % der Bevölkerung wohnen. Zwar sind diese Viertel durchaus mit Strom, Wasser und Schulen ausgestattet, aber die Kriminalität ist oft sehr hoch. Teilweise werden sie von Banden beherrscht und die Polizei traut sich nur in großer Mannstärke dorthin. In Rio gibt es über 1000 Favelas und die, die wir heute besuchten, kannte Marcello bisher nicht. Daher waren seine Information auch ein wenig spärlich. Glücklicherweise trafen wir Bob, den Besitzer von „The Maze“, einem Jazz-Club, der hier seit 35 Jahren wohnte und uns in fließendem Englisch jede Menge erzählte und viele Fragen beantwortete. Überraschend fanden wir allerdings, dass man in seinem Bed and Breakfast für eine Übernachtung genauso viel zahlen sollte wie in unserem Vier-Sterne-Hotel.

Anschließend besuchten wir das Indio-Museum, das aber diesen Monat aufgrund von Renovierungsarbeiten geschlossen war. Dafür sprangen wir noch mal an der Copacabana in die Fluten, Die Nasenbären an den Iguaçu-Wasserfällen sind perfekt an ihre natürliche Umwelt angepasst: Touristen.
Die Nasenbären an den Iguaçu-Wasserfällen sind perfekt an ihre natürliche Umwelt angepasst: Touristen.
bevor wir nach Ipanema zum Sonnenuntergang fuhren. Dieser sollte dort so fantastisch sein wie sonst nirgends auf der Welt. Sogar geklatscht würde deswegen. Letzteres war sogar wahr und der Sonnenuntergang war durchaus nett, aber weiter ging es nicht. Wie denn auch, wenn die Sonne hinter den Hügel von Rio verschwindet und nicht tief unten im Meer?

19. Juli (Donnerstag)

Die Pizza, die wir am Vorabend gegessen hatten, hatte ausgesehen, als wäre sie mit analogem Sprühkäse überzogen gewesen – und so hatte sie auch geschmeckt. Die Folge war, dass es in meinem Magen ordentlich rumorte und Dirk die Nacht vor allem in der Porzellanabteilung verbracht hatte. So hatten wir einen guten Grund, unser Kulturprogramm, das „Museu de Arte Contemporânea de Niterói“ auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht, ausfallen zu lassen.

Während mein Mitreisender im Bett blieb, nutzte ich den Vormittag für Wellness und tummelte mich am Strand und in der Sauna. Am Strand erfuhr ich auch endlich, wozu diese roten Flaggen wehten: Sie waren dafür da, dass man seine Kleidung, die man neben ihnen ablegt hatte, besser wiederfand.[29][29] Eigentlich signalisieren sie, dass das Baden zu gefährlich und daher verboten ist. Ich überlebte trotzdem und genoss noch mal die Sicht auf Rio von der See-Seite aus.

Am Nachmittag chauffierte ich den leidenden Dirk vorsichtig zum Flughafen, Auch diese beiden Schmetterlinge hatten Freude an ihrem Leben.
Auch diese beiden Schmetterlinge hatten Freude an ihrem Leben.
von wo wir nach Foz do Iguaçu aufbrachen.

20. Juli (Freitag)

Auf der argentinischen Seite der Iguaçu-Wasserfälle kann man über einen 600 m langen Steg bis zur Fallkante spazieren und direkt in den Teufelsschlund hinunter schauen. Natürlich waren wir dort nicht alleine und es gab es großes Geschiebe um den Platz für ein Selfie vor dem Abgrund. Ohne Kamera dort zu stehen und die atemberaubende Aussicht auf sich wirken zu lassen, war dagegen völlig verpönt.

Wir überlegten, ob wir noch einen Hubschrauberflug über das Gebiet unternehmen sollten, entschieden uns aber aufgrund des Wetters dagegen. So richtig vermisst habe ich ihn nicht.

21. Juli (Samstag)

Heute stand die brasilianische Seite der Wasserfälle an. Mir haben sie von dort viel besser gefallen, da sie majestätischer wirkten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Niagara-Fälle, die mit einer Breite von zusammen 930 m objektiv betrachtet eher klein ausfielen, in meinen Augen kolossaler gewirkt, aber nun änderte sich dies. Die Viktoria-Fälle[30][30] Je nach Definition ist dies der größte Wasserfall der Erde., die fast doppelt so breit wie ihre nordamerikanischen Geschwister[31][31] Damit sind die Niagara-Fälle gemeint. sind, sind dagegen schwierig zu fotografieren, da das Wasser in eine relativ schmale Schlucht stürzt. Beeindruckend sind aber alle drei großen Wasserfälle.

Von der brasilianischen Seite erhält man einen guten Überblick über die enorme Breite der Iguaçu-Wasserfälle, während man in Argentinien eher mittendrin sein kann. In dem Fall sollte die Kamera wasserdicht sein.
Von der brasilianischen Seite erhält man einen guten Überblick über die enorme Breite der Iguaçu-Wasserfälle, während man in Argentinien eher mittendrin sein kann. In dem Fall sollte die Kamera wasserdicht sein.

Die Iguaçu-Wasserfälle spielten heute mit einer Breite von 2,7 km ihre Vorzüge aus, obwohl sie nicht zusammenhängend sind und aus bis zu 300 kleineren Wasserfällen bestehen, Zum Abschluss unserer Reise musste ich noch ein weiteres Mal das brasilianische Nationalgetränk genießen: Caipirinha. Irgendwie schmeckt er vor Ort noch um Welten besser als hier in Deutschland.
Zum Abschluss unserer Reise musste ich noch ein weiteres Mal das brasilianische Nationalgetränk genießen: Caipirinha. Irgendwie schmeckt er vor Ort noch um Welten besser als hier in Deutschland.
in denen das Wasser 64 – 82 m tief fällt. Sie wirkten je nach Standort sehr unterschiedlich. Mal kamen sie fast verwunschen daher, mal imposant und überwältigend.

Anschließend besuchten wir noch einen Vogelpark, in dem wir vieles wiedererkannten, was wir zuvor bereits in freier Natur gesehen hatte. Dort hatte uns das Beobachten und Fotografieren deutlich besser gefallen, da hier die Herausforderung fehlte. Da, wo ich im Pantanal hunderte von fragwürdigen Bildern geschossen hatte, knipste ich hier nur wenig herum. Schön war der Besuch trotzdem.

22. Juli (Sonntag)

Um 3.50 Uhr begann die Abreise am Hotel. Die Rückreise verlief glücklicherweise ereignislos, wobei mir der Condor-Flug von Fortaleza nach Frankfurt wie eine Kaffeefahrt vorkam. Dauernd gab es eine Durchsage, die das Upgrade in eine höhere Klasse, das Entertainmentpaket, die Kopfhörer oder den zollfreien Einkauf anpries. Ich war ein wenig überrascht, dass keine Rheuma-Decken feilgeboten wurden.

Ich sehe ein, dass das bei einer 20-Personen-Gruppe mein Problem ist, aber bei zwei Teilnehmern sollte eine ordentliche Führerin darauf doch Rücksicht nehmen können, oder?