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Flöhe hüten für Fortgeschrittene

Mit Schülern unterwegs in China

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Prolog

Konfuzius sagt: "Schreibe in der Zeit, dann hast in der Not schon einen Vorrat."

Da ich diesmal tatsächlich den Reisebericht vor der Fahrt begann, konnte ich vorher ein wenig in meinem Gehirn kramen, welche Assoziationen ich mit China verband. "China, das Land des Lächelns.", ach nein, das war ja Japan. "China, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten." war es auch nicht. "China, down under.", "China sehen und sterben." oder doch Chinesische Flagge.
Chinesische Flagge.
"China oder nicht China, das ist hier die Frage."? Jetzt wissen wir, was mir alles nicht zum Thema einfiel, aber welche Informationen hatte ich denn sonst so abrufbereit?

"There are nine million bicycles in Beijing." (Es gibt neun Millionen Fahrräder in Peking.)[1][1] "Nine Million Bicycles" von Katie Melua. Das konnte ich mir gut vorstellen, denn genau so stellte ich mir das alte China von vor zwei Jahrzehnten vor: alles voll mit Fahrrädern. Aber war das immer noch so? "There's 900 Million of them in the world today. You'd better learn to love them, that's what I say." (Es gibt 900 Millionen Chinesen in der Welt. Du solltest sie besser lieb gewinnen, das rate ich dir.)[2][2] "I Like Chinese" von Monty Python. Als ich gefahren bin, waren es 1,3 Milliarden, und die Tendenz war trotz Ein-Kind-Politik weiterhin steigend. Frage an den Mathematiker: Wie kann das sein? Antwort: Das würde mich auch interessieren. Weiterhin kamen mir grandiose Bauvorhaben, Umweltverschmutzung, die Olympischen Spiele und Tibet als erstes in den Sinn, wenn ich ans Reiseziel dachte.

Moment, Reiseziel? Genau, diesmal ging es zum 'Urlaub' mit einem Dutzend Schüler der elften und zwölften Klassen nach Shanghai zu einem dreiwöchigen Schüleraustausch. Mit dabei waren mein Kollege Fritz Deparade samt Frau, sowie sechs oder sieben andere Schulen, die am gleichen Austausch teilnahmen, in Shanghai aber auf andere Partnerschulen verteilt wurden. Für die gesamte Organisation war Frau Cao, eine in Deutschland lebende Chinesin, zuständig, was bedeutete, dass ich einiges an Verantwortung abgeben konnte. Trotzdem blieb doch immer das Gefühl, im Zweifelsfall an allem schuld zu sein. Schauen wir mal, was sich so ergab.

5.10. (Sonntag)

Konfuzius sagt: "Wenn du immer überpünktlich bist, dann sorgen sich die anderen noch viel mehr, wenn du mal nicht zu früh erscheinst."

Wir trafen uns pünktlich am Bahnhof, alle hatten ihre Unterlagen dabei, der Zug hatte in der Ankunft nur eine viertel Stunde Verspätung, und wir erklommen den Flieger ohne Probleme. Einige der Wartenden hatten uns zu dem Zeitpunkt schon sehnsüchtig erwartet, aber ich fand, wir lagen voll im Plan. Überraschenderweise durften wir nicht nur 20 kg Gepäck sondern sogar 30 kg einladen, was zu Murren führte, da viele das gerne vorher gewusst hätten. Ich persönlich empfand es aber als gute Nachricht, da mein Koffer dank der vielen Mitbringsel schon leicht über die erste Grenze hinaus war, obwohl ich ca. zehn Kilogramm in die Laptoptasche, die mit unter das Handgepäck fiel, ausgelagert hatte.

Apropos Mitbringsel: Natürlich musste man Gastgeschenke mitbringen, wenn man dort seine Austauschschule besuchte. Darüber hinaus sollten eventuell Einladungen zu besonderen Empfängen ausgesprochen werden, zu denen man tunlichst nicht mit leeren Händen kommen sollte. Das hätte unhöflich gewirkt. Daher hatten wir deutschen Wein und einige Accessoires der Ricarda im Gepäck: Jahrbücher, Kugelschreiber und Taschen mit Emblem. Letztere waren ironischerweise in China gefertigt worden. Bei einem "Made in Taiwan" hätten wir uns die wohl eher verkniffen. Da in den letzten beiden Jahren Bildbände von Hannover importiert worden waren, hatten wir den Radius diesmal ein wenig größer gezogen und uns auf Bücher von Niedersachsen geeinigt. Wer möchte darf sich ausrechnen, Unsere Reisegruppe.
Unsere Reisegruppe.
wann der große Diercke Weltatlas mitgebracht werden muss, falls die Entwicklung so weiter geht.

6.10. (Montag)

Konfuzius sagt: "Du sollst den Flug nicht vor der Landung loben."

Der Flug war unspektakulär, fast schon langweilig, nur die Landung fanden einige Schüler im wahrsten Sinne des Wortes zum Kotzen. Eine war auch noch während der Fahrt zur Schule so zittrig in den Knien, dass sie teilweise getragen oder geschoben werden musste. Erst als wir in der Xiang Ming High School angekommen waren und sie ihrer Austauschschülerin in die Augen sah, ging es ihr mit einem Mal wieder prächtig. Das muss die großartige chinesische Heilkunst sein, von der ich so viel gehört hatte. Eingangsschild der Xiang Ming High School.
Eingangsschild der Xiang Ming High School.
Tatsächlich wurden wir so herzlich in der Schule und in der Stadt willkommen geheißen, dass wir unsere Möglichkeit, eine kleine Rede voller Dankbarkeit zu halten, verpassten. Na ja, dann müssen dir die unbedingt an anderer Stelle nachholen.

Ich habe sie gefunden, die neun Millionen Fahrräder (siehe oben)! Ich sah sie überall wild durcheinander auf der Straße fahren, aber damit schien ich alleine auf weiter Flur zu sein, denn die Auto-, Moped- und Motorradfahrer taten so, als würden sie gar keine Augen haben, und fuhren dementsprechend. Vorfahrtsregeln werden hier nur an jedem 29.2. von Zwölf bis Mittag beachtet, und Ampeln sind lediglich dazu da, die wagemutigen Fußgänger zu bündeln. Da geht es kreuz und quer durch den Verkehr, dass es nur so eine Freude ist. Ich muss gestehen, hier hätte ich gerne auch mal den Fahrersitz erklommen und meine Runden durch die Stadt gedreht. Warum? Das ist besser als jeder Autoskooter. Leider kann man sich hier aber nicht so einfach ein Auto mieten, sondern man muss extra einen chinesischen Führerschein beantragen, wenn man selber hinters Lenkrad möchte. Also blieb mir nichts Anderes übrig, als das Chaos aus der Passagier- und Fußgängersicht zu genießen.

Nachdem alle Schüler versorgt worden waren, zogen wir zum Hotel, das die meisten Dinge hielt, die es nicht versprochen hatte, und es glänzte wie erwartet durch einen langsamen, unzuverlässigen, wahrscheinlich zensierten aber immerhin vorhandenen Internetzugang. Nicht dagegen vorhanden war ein Safe oder eine andere Möglichkeit des Abschließens von Dokumenten, was mir nicht so gefiel. Die Zukunft wird zeigen, ob er fehlte oder nicht.

Nach eine gemütlichen Dusche ging es zum gemeinsamen Essen mit den Lehrern der Goethe- und der Herschelschule, sowie den Personen, die vor Ort alles organisierten. Essen gehen heißt in China immer, dass eine Menge Speisen in die Mitte des Tisches gestellt und gemeinsam vernichtet werden. Wenn nichts übrig bleibt, dann gab es zu wenig, was eine Schande für den Gastgeber ist. So ließ Frau Cao, die uns heute Abend einlud, einiges Auffahren und legte - auch als wir schon alle satt waren - noch weiter nach. Dieser Auftakt machte deutlich, dass ich hier sicherlich nicht an Gewicht verlieren werde. Das einzige, von dem es nur wenig gab und auch erst spät, war der Reis. Dieser ist schließlich nur Beilage, und wenn er zu früh serviert wird, dann signalisiert dies, dass Tablett mit chinesischem Essen.
Tablett mit chinesischem Essen.
der Gastgeber nicht genug Geld für die guten Dinge hat.

Anschließend gönnten wir uns eine einstündige Fußmassage für weniger als drei Euro, die die Füße, die eigentlich gar nicht groß gelitten hatten, trotzdem mächtig auf die Beine brachte. Sie wurden ordentlich durchgeknetet, und es ist schon erstaunlich, wie viel Kraft in den zierlichen Chinesinnen steckt. Teilweise war es mir etwas schmerzhaft, aber ein richtiger Kerl kann das natürlich nicht zugeben. Die Massage war trotzdem angenehm und entspannend, und meine Mitreisenden lobten sie über alle Maßen. Ich kann das nicht beurteilen, da ich damit keine Erfahrung habe, aber als ich es meinen Schülern erzählt, wollten die auch unbedingt eine haben.

7.10. (Dienstag)

Konfuzius sagt: "Deutschland sein guter Platz, um Chinarestaurant zu eröffnen."

China scheint aber kein guter Platz dafür zu sein. Ich habe es genossen, am Morgen mir von nahezu allem, was mir angeboten wurde, eine Kleinigkeit auf den Teller zu packen und so eine Menge verschiedener Speisen auszuprobieren. Zwar waren alle Töpfe sauber beschriftet, aber da versagte das bisschen Chinesisch, das ich konnte, komplett. Mich hat auch nicht gestört, dass das Frühstück überwiegend warm war[3][3] Ich gebe zu, meine anfängliche Euphorie hat sich im Laufe der Zeit ein wenig gelegt, so dass ich später auch eher kalt und nur sehr wenig am Morgen zu mir nahm., aber unsere Schüler sahen das teilweise ganz anders und aßen zuweilen fast nichts in ihren Familien. Blöd fand ich lediglich, dass Dinge, die von außen gleich aussahen aber mit verschiedener Füllung glänzten, jeden Morgen an einer anderen Stelle des Buffets auftauchten. So glich die Suche nach dem, was ich gerne mochte, manchmal einem Lotteriespiel. Auch das Mittagessen überzeugte unseren Anhang nicht, obwohl eigentlich für jeden etwas dabei sein hätte müssen, wenn man davon absieht, dass sich schon die Nahrungsmittelaufnahme schwierig gestaltete. Ich meine in diesem Fall nicht das Essen mit Stäbchen, sondern ich frage mich viel mehr, wie man mit nur einem Löffel bewaffnet sinnvoll so etwas Ähnliches wie ein Rumpsteak verzehren soll. Ich glaube, für manche Schüler war das Highlight des heutigen Tages, dass sie nach der Schule zum Schnellimbiss mit dem großen M gehen durften. Ich fand das schade, denn das Essen gehört schließlich zur Kultur eines Volkes, und genau die wollten wir doch in diesen Wochen kennen lernen.

Morgens wurde uns als erstes die Schule gezeigt, wobei der mit Abstand größte Schwerpunkt auf zwei Räumen lag, in denen man künstlerisch bzw. musikalisch (ist das ein Widerspruch?) am Computer aktiv werden konnte. Beeindruckend fand ich das nicht, da wenig gezeigt wurde, so dass die Schüler lediglich ein wenig herum spielen konnten, und es gab die beiden Computer auch nur in jeweils doppelter Ausführung. Interessanter war ein Blick in die Klassenräume, an den wir vorbei kamen. Die Türen standen normalerweise offen, die Räume waren eng mit Schülern gefüllt, die Klassen waren deutlich größer als bei uns, aber dafür war es erfrischend ruhig. Der große Nachteil daran war, dass die Schüler anscheinend nichts zu sagen hatten. Der Unterricht lief - soweit ich gesehen habe - rein frontal ab, von Klippert[4][4] Warum sollte dort auch ein Herr namens Klippert vorbei schauen? Nein, Klippert steht hier als Synonym fürs Lernen von Methoden zur selbstständigen Erarbeitung neuer Lerninhalte, zur Organisation von Lernprozessen und zur selbstständigen Überprüfung eigener Fähigkeiten. Kurz gesagt geht es darum, wie man sich selber Dinge aneignen kann. war keine Spur zu sehen.

Als erstes nutzte ich den Vormittag, um das zu tun, was ich schon in Deutschland gar nicht leiden kann - einen Zahnarzt zu besuchen. Während des Fluges war mir nämlich eine gerade anderthalb Wochen vorher frisch eingesetzte Krone wieder abgesprungen. Chinesische Schüler.
Chinesische Schüler.
Immerhin hatte ich keine Schmerzen, aber es wäre wohl nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sich diese eingestellt hätten. Außerdem war das Gefühl an der Stelle im Mund äußerst seltsam. Ein bisschen mulmig war mir schon, mich in die Obhut eine vermeintlich rückständigen Gesundheitssystems zu begeben, aber es musste ja sein. Also wurde ich zu einer privaten Zahnklinik begleitet[5][5] Es ist schon ein Vorteil, wenn man vor Ort kundige Ansprechpartner besitzt., die zwar teuer sein sollte, aber das war mir nicht so wichtig, vor allem da es dann nur ca. 30 € kostete. Die Zahnärztin machte einen professionellen Eindruck, schimpfte über die schlechte Ausführung der deutschen Krone, deren Form schon dafür prädestiniert sei, nicht dauerhaft zu halten, und setzte das Puzzle mit ein wenig Sekundenkleber wieder in meinem Mund zusammen. Dann durfte ich wieder in die Schule zurückkehren.

Tagsüber vergnügten wir uns in extra für uns vorgeführten Unterricht, was einerseits schade war, da wir ja eigentlich die Realität erfahren wollten, aber andererseits wäre das wahrscheinlich schon nach sehr kurzer Zeit zum Sterben langweilig gewesen. Man stelle sich einfach vor, dass man von 8.00 Uhr morgens bis 17.00 zuhört[6][6] Der reguläre Unterricht beginnt dort teilweise schon um sechs oder sieben und erstreckt sich im Extremfall bis kurz vor sechs (abends). Die nicht wenigen Hausaufgaben erledigen die Schüler dann, wenn sie ca. eine Stunde später zu Hause sind., wie der Lehrer etwas erzählt, von dem man kein Wort versteht, und sonst rein gar nichts passiert. Wir verzweifelten stattdessen drei Stunden lang an der chinesischen Sprache, obwohl sie grammatikalisch ziemlich einfach zu sein scheint. Es wird weder dekliniert noch konjugiert, und auch die Zeiten sind schnell zu bilden. Um auszudrücken, dass etwas vorher stattgefunden hat, wird einfach ein "gestern" ergänzt, und fertig ist die Vergangenheitsform. Futur wird entsprechend mit "morgen" gebildet. Schwierig gestaltete sich dagegen die Aussprache und das Erinnern an die Vokabeln. Außerdem gab es zwei Stunden Unterricht im Arrangieren eines Blumenstraußes und zwei Stunden Sport. Als erstes bekamen wir dabei einen kleinen Kurs in Tai Chi, anschließend spielten wir mit/gegen chinesische Schüler Basketball, Tischtennis und Badminton.

In China muss man immer ein wenig aufpassen, was einem so ins Essen gemischt wird. Lebende Garnelen am Spieß.
Lebende Garnelen am Spieß.
Die erste Hürde lauert bei den Milchprodukten. Darf man diese noch ungestraft trinken (Stichwort: Melamin)? Diese Frage konnte ich meinen Schülern nicht beantworten und riet sicherheitshalber bei solchen Getränken zur Vorsicht und zur Zurückhaltung.[7][7] Wahrscheinlich ist das totaler Unsinn. Was für Babys problematisch ist, kann bei Jugendlichen und Erwachsenen völlig harmlos sein, aber ich kann ja auch nicht alles wissen. Außerdem isst der Chinese böse ausgedrückt fast alles, was vier Beine hat und kein Tisch ist. Von daher weiß man auch nie so genau, ob das Rind, was man scheinbar gerade verzehrt, früher nicht miaut hat, oder ob man statt Hühnchen plötzlich Hündchen zwischen die Stäbchen bekommt. Ist das schlimm, wenn man es nicht weiß? Klar, man muss solche Sachen doch bewusst essen, um die neuen Geschmacksnuancen aufzunehmen. Abends versuchte ich mal wieder, meine geschmacklichen Erfahrungen zu erweitern. Diesmal gab es den so genannten Feuertopf, der stark an Fondue erinnert. Allerdings gab es ihn in den Geschmacksrichtungen normal und scharf, wobei mit letzterem nicht das deutsche 'scharf' sondern das chinesische gemeint ist. Mir hat er sehr gut gefallen. Tintenfisch.
Tintenfisch.
Außerdem wird nicht nur Fleisch und Fisch (z.B. Tintenfische, Seegurken und lebende Garnelen) darin versenkt, sondern auch alle möglichen Sorten von Gemüse, so dass das Essen sehr abwechslungsreich war.

8.10. (Mittwoch)

Konfuzius sagt: "Ich sehe was, was du nicht siehst, und das befindet sich in deinem Essen."

Die Nacht war kurz: Um halb fünf bin ich endlich eingeschlafen. Der Tag begann dementsprechend mit einem viel zu frühen Weckerklingeln. Andererseits lässt das für die Zukunft hoffen: Wahrscheinlich bekomme ich morgen mehr Schlaf. In der Schule stand nach dem Chinesisch-Kurs Papercut und Aerobic auf dem Stundenplan. Für den Nachmittag, hatte ich mich um die Freizeitgestaltung gekümmert. Mit vier Taxis fuhren wir zum Konfuzius-Tempel. Ich hatte die chinesischen Zeichen für die Straße extra (erfolgreich) abgeschrieben, damit die Schüler sie den Taxifahrern zeigen konnten. Die sprechen nämlich meist kein Englisch und finden ohne die entsprechenden Kanji[8][8] Kanji heißen eigentlich die japanischen Schriftzeichen. Heißen die chinesischen auch so? so ziemlich gar nichts. Erstaunlicherweise kamen wir sogar alle dort an, wohin wir wollten, nur mein Taxifahrer schmiss uns an der falschen Stelle raus, aber da konnte ich dann dementsprechend nachbessern.

Der Konfuzius-Tempel war schön und interessant für die Schüler, und die Anlage war überraschend groß. Anschließend kamen wir zu einem der Lowlights[9][9] Dies ist nicht als Gegenteil von Highlight gemeint sondern soll vielmehr ausdrücken, dass es ein ganz wichtiger Teil der Tour war, er aber oft von Reiseveranstaltern ausgelassen wird. der Tour. Wir durchwanderten ein ziemlich ärmliches Vierteil, indem die Kinder ein paar Dinge erblickten, die sie eigentlich gar nicht sehen wollten. Die Häuser waren eng, winzig und ziemlich heruntergekommen. Davor gab es einiges zu kaufen: Essen, bei dem man nicht genau wissen wollte, was es eigentlich war, Tiere, die unter unwürdigen Bedingungen in Skyline von PuDong bei Nacht.
Skyline von PuDong bei Nacht.
viel zu kleinen Käfigen vor sich hin vegetierten, und Fleisch, das bei uns zu einem neuen Gammelfleischskandal führen würde. Der Geruch, der daraus resultierte, ist schwer zu beschreiben aber vielleicht trotzdem vorstellbar.

Anschließend kamen wir in ein Touristen-Shopping-Gebiet, wo sich die Schüler zu ihrer Freude austoben durften. Der eine freute sich hinterher über manch gelungenem Deal, der 20 Prozent Ersparnis brachte, während ein anderer unzufrieden war, weil er vielleicht doch weniger als die Hälfte hätte bezahlen können. Sogar eine Gitarre wechselte ihren Besitzer.[10][10] Sie wollte allerdings nicht nach Deutschland importiert werden sondern hier in China verweilen.

Abends zogen die drei Erwachsenen[11][11] Oder sind wir zwei Erwachsene (mein Kollege samt Ehefrau) und ich? gemeinsam zum Bund, der seinem Namen als Schreibfehler Ehre machte, da er vor allem hell und bunt war. Der Bund ist eine Uferpromenade, auf der sich abends einerseits Einheimische andererseits auch Touristen und vor allem Straßenhändler tummeln. Von dort besitzt man einen guten Blick auf die funkelnde Skyline von PuDong, einem Stadtviertel Shanghais. Daher bietet sich dieser Ort für Nachtaufnahmen geradezu an. Dazu gehört auch der Jin Mao Tower, der derzeit der viert höchste Wolkenkratzer der Erde ist. Gleich nebenan befindet sich allerdings schon der Konkurrent, der alle überflügeln wird, im Aufbau. Das ganze Gelände, auf dem sich die Wolkenkratzer nur so tummeln, ist noch sehr jung: Der älteste Riese auf dem Bild ist gerade 15 Jahre alt. Dadurch wird deutlich, mit welcher Geschwindigkeit hier die Häuser aus dem Boden gestampft werden.

Danach drängten uns unsere Mägen in ein etwas abseits gelegenes Restaurant, in dem wir uns ein bisschen wahllos anhand der Bilder einen Speiseplan zusammenstellten. Die Kellnerin war bemüht aber ein wenig hilflos und riet uns von zwei der Gerichte ab. Das erste konnten wir als Schweineleber doch noch aus ihren Beschreibungen erschließen, das zweite war irgendetwas, was sich auf Englisch wie "Frogge" anhörte, aber es war angeblich kein Frosch[12][12] Ich fotografierte die Speisekarte und fragte später Frau Cao, die mir dann bestätigte, dass es sich doch um Frosch gehandelt hat.. Wir nahmen beides! Die Leber schmeckte prima, war allerdings - genau wie das Hühnchen, das mit auf den Tisch gewandert war - ziemlich scharf. Das andere hat uns auch gemundet.

Als wir eigentlich schon mit dem Essen fertig waren, hastete eine Kakerlake über den Tisch[13][13] Ich wusste gar nicht, wie schnell diese Viecher eigentlich sein können., was mein Kollege mit einem "Na, die anderen haben wir ja auch schon gegessen." kommentierte. So oder so waren wir dann doch sehr plötzlich ganz mit dem Essen fertig.

9.10. (Donnerstag)

Konfuzius sagt: "Ein weiser Schüler hält Abstand, wenn sein Physiklehrer ein Wissenschaftsmuseum betritt."

Heute waren wir den ganzen Tag in der Stadt unterwegs und besuchten als erstes den Jin Mao Tower (siehe oben). Von dort hätte man einen guten Überblick gehabt, wenn die Sicht besser gewesen wäre. Das ist allerdings selten. Meist hängt eine Dunstglocke aus Abgasen über Shanghai. Oft ist die Luft in den Gebäuden angenehmer als die draußen.

Beim Essen in der Schule merkte man sehr gut, dass jetzt wirklich alle Schüler angekommen sind und sich freuten, Nudelentstehung einer Nudel.
Nudelentstehung einer Nudel.
in Shanghai zu sein. Die verzehrten Portionen wurden größer, und der Drang, zu einem Schnellimbiss zu gehen, sank deutlich.

Am Nachmittag besuchten wir das naturwissenschaftliche und technische Museum, in dem ich mich hätte tagelang aufhalten können, was aber nicht überraschend ist. Den Schülern scheint aber auch gefallen zu haben, dass es so viele Dinge gab, die man selber ausprobieren konnte. Sehr interessant war auch die Geschichte der Raumfahrt aus chinesischer Sicht kennen zu lernen. Da kamen die Amerikaner nur am Rande, die Europäer gar nicht vor.

Abends waren wir diesmal beim Italiener: Es gab Nudeln. Nein, eigentlich war die tibetanische Familie ziemlich geizig, und jeder von bekam nur eine einzige. Dafür durften wir aber zusehen, wie diese einzige lange Nudel aus einem etwa faustgroßen Stück Teig hergestellt wurde. Das ganze Vergnügen gestaltete sich mit ca. 10 € relativ günstig. Na ja, eigentlich finde ich den Preis für ein Essen nicht so wenig, aber das waren ja auch die Kosten für das Essen (inkl. Suppe) und die Getränke - für alle zehn Personen!

10.10. (Freitag)

Konfuzius sagt: "Der frühe Vogel fängt den Wurm, aber die zweite Maus bekommt den Käse."

Obwohl es eigentlich erst ab 7.00 Uhr Frühstück gab, stürmten wir das Buffet heute schon um viertel vor für einen kurzen Happen, da wir schon sehr früh zur Wasserstadt Zhou Zhuang aufbrachen, die hier auch "Klein Venedig" genannt wird. Die Stadt ist durchzogen von zwei Dingen: von Wasserkanälen und von Geschäften, in denen Urlauber alles mögliche zu überhöhten Preisen erwerben konnten. Wenn man allerdings geschickt feilschte, Kanal in der Wasserstadt Zhou Zhuang.
Kanal in der Wasserstadt Zhou Zhuang.
dann waren auch Schnäppchen möglich.[14][14] Ich bin natürlich nie auf die Verkäufer hereingefallen und habe immer so gut verhandelt, dass diese ihre Ware weit unter dem Einkaufspreis an mich abgegeben haben.

Trotz der vielen Touristen dort, unter denen sich nur wenige Europäer befanden, war die Stadt nett anzusehen, da die Gebäude alt aber meist ordentlich restauriert war. Zhou Zhuang soll die berühmteste Wasserstadt in dieser Region sein.

Wenn man ein wenig genauer hin schaute, dann bemerkte man zwischen den Souvenirständen auch das eine oder andere Museum oder Hinweise auf frühere Verwendungszwecke der einzelnen Gebäude, so dass man ein wenig Eindruck vom früheren Leben bekommen konnte. Ich befürchte aber, dass die Schüler diese Hinweise meist übersehen haben, und auch diejenigen, denen ich Tipps für Besichtigungen gab, sind wohl meist nicht wirklich aktiv in diese Richtung geworden. Außerdem konnte man sich durch die malerischen Kanäle kutschieren lassen. Dachfirst des Jing'an Tempels.
Dachfirst des Jing'an Tempels.
Manche Bootslenker fingen dabei sogar an zu singen, und man musste einen kleinen Obulus entrichten, um sie wieder zu beruhigen.

11.10. (Samstag)

Konfuzius sagt: "Entspannen kann man auch zu Hause, Shanghai besichtigen nicht."[15][15] Es sei denn, man ist in Shanghai zu Hause.

Wochenende, Ferien, Freizeit? Ja, tatsächlich. Die Schüler sind mit ihren Gast-Familien gemeinsam unterwegs. Teilweise wollten sich auch einige untereinander kurzschließen. So sollte zum Beispiel der hiesige Zoo ein Ausflugsziel von Chinesen und Deutschen zusammen sein. Ich bin gespannt, was die Schüler am Montag alles erzählen. Ich habe den ganzen Tag nicht einen Ton von den Schülern gehört, nicht einen Anruf von ihnen bekommen. Es scheint ihnen also allen gut zu gehen - oder mein Handy ist kaputt. Das sollte ich aber vorsichtigerweise erst am Montag prüfen, damit der Sonntag auch noch so schön ruhig wird.

Ich habe die Zeit für eigene touristische Aktivitäten genutzt und um das Programm für Dienstag festzuklopfen. Da sind wir nämlich nachmittags wieder auf eigene Faust unterwegs, und ich möchte den Schülern Gelegenheit geben, ein paar Dinge mehr zu sehen/erleben, die noch nicht im Programm enthalten waren. Jetzt weiß ich auch besser, was alles in Frage kommt. Ein paar Dinge sind von Hannover aus doch schlecht zu überblicken bzw. zu organisieren.

Mein Kollege samt Frau besuchten einen Freund und waren damit beschäftigt, was vorher bekannt war. Eine Kollegin der Goethe-Schule (also von der Konkurrenz) wollte mit mir Shanghai erkunden, aber der Rest wollte "mal sehen", "etwas shoppen", "es dann besprechen"..., blieb also erschreckend unverbindlich und träge. Also zogen wir zu zweit los, was gar nicht so einfach war, da das bereits erledigte und das noch ausstehende Programm schon erfreulich viele Highlights Shanghais abdeckte. Daher versprachen wir uns nicht so viel vom Jing'an-Tempel, den wir als erstes ansteuerten, wurden aber positiv überrascht. Der Tempel passte sich richtig gut in den Gegensatz der Wolkenkratzer ein und sorgte für nette Kontraste. Anschließend pilgerten wir weiter zum Natural History Museum Shanghai. Wir hatten zwar keinen chinesischen Namen von diesem dabei, aber der Fahrer fand die Straßenecke, die wir ihm auf der Karte zeigten, auf Anhieb. Da störte es auch nicht, dass er uns vor dem Gebäude absetzte, das er als einzig sinnvoll für uns erachtete - ein Hotel. Das Naturkundemuseum strahlte von innen den Charme der 50er Jahre aus. Staub war zwar nicht zu sehen, aber alles sah so aus, als wäre es vor einem halben Jahrhundert einmal sehr liebevoll und gut aufgebaut, seitdem aber gnadenlos von allen wichtigen Leuten vergessen worden. Schade, denn aus den Ausstellungsstücken könnte man eine Menge machen. Andererseits dauert es bei einem Eintrittspreis von 50 Cent auch noch ein wenig, bis das Geld für eine Renovierung angespart sein wird.

Dann fuhren wir mit einer kleinen Bahn durch einen Tunnel unter dem Huangpu Jiang[16][16] Das ist ein Fluss, du Kunstbanause! nach PuDong (siehe oben). Der Tunnel war mit Lichteffekten und psychodelischer Musik extra für Touristen aufgemotzt. Man konnte dort unten ganz witzige Bilder machen, aber ein Muss war er definitiv nicht. Am anderen Ende enterten wir den Oriental Pearl Tower, der - das verrät der Name - wie orientalische Perlen aussehen sollte. Unten drinnen befand sich ein überraschend gutes Museum über die Entwicklung von Shanghai. Schwerpunkt war die Zeit vor 1940, und die Ausstellung zeigte viele Szenen, die das Leben damals plastisch vor Augen führten. Nebenan befand sich eine angesagte und gerammelt volle Einkaufspassage, in der auch so "typische chinesische Läden" wie Zara, H&M und C&A vertreten waren. Nach ein paar weiteren Dämmerungs- und Nachtbildern war dann der Tag schon wieder vorbei. Im Hotel erfuhr ich dann immerhin noch, was die anderen gemacht hatten: Surreale Lichteffekte im Tunnel unter dem Huangpu Jiang.
Surreale Lichteffekte im Tunnel unter dem Huangpu Jiang.
viel gegammelt, etwas eingekauft, wenig gesehen. Irgendetwas mache ich falsch.

12.10. (Sonntag)

Konfuzius sagt: "Verlasse dich auf deine Intuition. Sie wird dir den Weg wohl weisen."

Gleich nach dem Frühstück ging es in den Fuxing Park, in dem sich am Wochenende morgens und mittags mehr als Tausend Chinesen austoben. Die einen nehmen an öffentlichen Tanzkursen teil oder machen Tai Chi, andere üben sich im Umgang mit diversen Spielgeräten (Diabolo, Federball) oder singen und musizieren gemeinsam zur eigenen Freude, denn Zuschauer bzw. -hörer, die nicht teilnehmen, gibt es eigentlich nicht. Hemmungen gegenüber der handvoll Touristen, die sich dorthin verirren, haben wir auch nicht bemerkt. Nebenbei fiel noch eine Besichtigung des Wohnhauses von Sun Yatsen, dem Begründer des modernen China, mit ab, da es gleich um die Ecke vom Park lag.

Der Himmel über Shanghai war an diesem Tag ausnahmsweise mal blau und nicht grau verhangen vom Smog. Tai Chi im Fuxing Park.
Tai Chi im Fuxing Park.
Ob das wohl daran lag, dass am Wochenende weniger Fabriken in Aktion sind? Es wurde angenehm warm, so dass sich eine Tour im T-Shirt durch die schönen Außenanlagen des Jadebuddha-Tempel und des Longhua-Tempel anbot. Ersterer war zwar schön, allerdings war er von chinesischen und anderen Touristen so überlaufen, dass das Gelände keine Ruhe ausstrahlen konnte. Obwohl er uns gefiel, konnte der Komplex seine Schönheit dadurch nicht ausspielen. Ganz anders der Longhua-Tempel, der leider am anderen Ende der Stadt lag. Nur wenige Leute waren hier unterwegs, Touristen fehlten fast völlig. Daher hat uns dieses Gotteshaus noch besser gefallen.

Anschließend machte ich mich alleine zum botanischen Garten von Shanghai auf, der nur ein bis zwei Kilometer entfernt lag. Ich entschied mich gegen ein Taxi, da ich sowieso nicht wusste, wie man ihn in chinesischen Schriftzeichen schrieb, so dass mich eine Taxifahrt eher weiter weg befördert hätte. Meine Karte der Gegend ließ allerdings auch stark zu wünschen übrig, so dass ich mich grob am Sonnenstand orientierte und dann los pilgerte. Der Weg führte mich durch ein paar Straßen, in denen ich seltsam angeschaut wurde, und wahrscheinlich hätten mir viele Leute von der Gegend abgeraten, aber da die Gassen voll von Leuten waren, hatte ich keine Sorge, überfallen zu werden.

Ich erreichte ohne Umweg den botanischen Garten, der sich gepflegt aber doch für Familien geeignet präsentierte. Mutter und Kind im botanischen Garten.
Mutter und Kind im botanischen Garten.
Ich habe es genossen, neben den Blumen auch chinesische Leute zu beobachten und manch seltene "Pflanze" zu fotografieren.

13.10. (Montag)

Konfuzius sagt: "Wir sind alle Individuen."
Konfuzius sagt weiter: "Ich nicht!"

Die Schüler hatten das Wochenende gut überstanden, und nur an wenigen Stellen war etwas Heimweh aufgekommen. Der Tag begann mit einem gemeinsamen Antreten auf dem Schulhof, wo die Flagge gehisst wurde. Außerdem gaben ein paar Leute ein paar weise Sprüche von sich - das vermute ich zumindest. Ich habe nämlich nur ein Wort verstanden: Hannover. Anschließend gab es eine kurze Musik, wobei einige der Sänger eine nicht so wahnsinnig begnadete Stimme besaßen, so dass ein deutliches Kichern im Auditorium zu hören war - und das kam nicht von der deutschen Gruppe. Anschließend durfte eine Schülerin von uns eine kurze Rede an die gesamte Schule halten, was sie gut meisterte. Glücklicherweise fiel es gar nicht auf, dass sie sich bei den deutschen Worten, die sie in die Rede eingeflochten hat, versprach. Das Englisch war dagegen fehlerfrei.

Das Highlight des heutigen Vormittags war die dritte Stunde, in der wir das erste Mal richtigem Englischunterricht beiwohnen durften. Die Klasse bestand aus 40 Schülern (ohne uns), aber die Lehrerin musste nicht einmal ermahnen, dass es zu laut sei. Trotzdem wurde im Unterricht auch gelacht. Die Schüler waren ca. 17 Jahre alt. Der Raum war sehr sauber, und nicht ein Tisch war bekritzelt. Allerdings war das Mobiliar schon stark abgenutzt. In der Ecke stand ein riesiger Fernseher (Diagonale mehr als 1,5 m). Die Tür stand die ganze Zeit offen, was an dieser Schule normal ist.

Die dritte Stunde war jeden Tag fünf Minuten länger als die anderen, da sie mit einem Augentraining begann. Die Schüler schlossen die Augen und Massierten sich die Schläfen und die Wangen, während ein wenig Musik dudelte, eine Stimme erzählte, welche Übung gerade an der Reihe war, und die einzelnen Durchläufe zählte.[17][17] Das Verstehen der Zahlen klappte dabei schon ganz ordentlich. Das ist ja auch nicht schwer, wenn man schon vorher genau weiß, welche Zahl als nächstes kommen wird. Dann ging es los: Die Schüler standen auf Kommando auf, bellten ein kurzes "Good morning, teacher!" nach vorne und saßen schon wieder, bevor das letzte Wort verklungen war.

Als erstes wurden die Hausaufgaben verglichen, bei der ein paar Sätze übersetzt werden sollten. Die Lehrerin war gut zu verstehen[18][18] Sie forderte uns am Anfang auf, sie zu verbessern, wenn sie etwas falsch aussprechen würde, aber ich wäre im Boden versunken, wenn das einer meiner Schüler getan hätte., hatte dafür aber ein Tempo drauf, als wäre sie im letzten Leben Italienerin gewesen. Chinesischer Obst- und Gemüsemarkt am Straßenrand.
Chinesischer Obst- und Gemüsemarkt am Straßenrand.
Was wichtig war wurde wörtlich wiederholt und teilweise von den Schülern nachgesprochen. Die Schüler redeten leise, immer nur nach vorne und teilweise sehr undeutlich, aber dafür durften sie sowieso selten etwas alleine sagen. Höchstens ein Dutzend Schüler kam einzeln zu Wort. Das Nachsprechen von Vokabeln in der Gruppe war dagegen üblicher.

Natürlich konnten wir nicht beurteilen, in wie weit das ganze eine Show-Stunde war, aber sie wirkte definitiv nicht so, wenn man mal davon absieht, dass wahrscheinlich eher die besseren Schüler zu Wort gekommen waren. Allerdings lief der gesamte Unterricht frontal ab. Die Schüler haben sich niemals gemeldet oder eine Frage gestellt, und das wurde auch nicht von ihnen erwartet. Sie wurden - bei Bedarf - einfach aufgerufen.

Die Lehrerin klärte nebenbei (auf englisch) über Haarpflege[19][19] "If you want to keep your hair healthy, keep yourself healthy. Make a balanced diet and plenty of exercises." (Wenn du dein Haar gesund halten möchtest, dann musst du selber gesund sein. Mache eine Diät und viel Sport.) auf, erläuterte, welche Haarlänge zu welcher Kopfform passt und vermittelte den Schülern wichtige Werte[20][20] "Some Students hide their junior diplomas in a safe. Don't laugh, they treasure knowledge." (Einige Schüler verstecken (eher verwahren) ihre Grundschulabschlusszeugnisse im Safe. Sie erachten Wissen als wertvoll.). An Stoff wurde allerdings wenig geschafft. Es gab scheinbar ein paar neue Vokabeln, die an die Tafel geschrieben wurden, aber auf das selbstständige Formulieren wurde wenig Wert gelegt, Grammatik schien auch nicht wichtig.[21][21] Im Chinesischunterricht sah das genauso aus. Auch dort lernten wir vor allem Phrasen auswendig aber keine Grammatik. Im besten Fall gab es Sätze, in denen einige Worte ersetzt werden mussten ("Ich mag gerne Eis" und "Ich mag gerne Nudeln."). Da sich der Leser sicherlich vorstellen kann, wie eifrig unsere Schüler nach der Schule chinesische Vokabeln paukten, dürfte auch klar sein, wie viel der Unterricht gebracht hat. Ich hatte das Gefühl, dass unsere Gruppe den Unterricht nicht als produktiv ansah.

Außer Englisch, Chinesisch (wie jeden Tag) und Sport hatten wir diesmal auch Musik. Der Musikraum war gut mit Keyboards und Computern ausgestattet (für je zwei Schüler jeweils ein Set), so dass man in der Hinsicht sicherlich einiges machen konnte. An richtigem Musikunterricht teilzunehmen wäre auch interessant gewesen. Außer einem Klavier sahen wir aber keine Instrumente, die ohne Strom funktionierten. Wir lernten die Oper "Butterfly Lovers" musikalisch und als Ballett kennen und durften uns an den Keyboards austoben.

14.10. (Dienstag)

Konfuzius sagt: "Chinesische Sprache, schwere Sprache."

Heute hatte unsere Chinesisch-Lehrerin Geburtstag, wozu wir ihr natürlich Geschenke überreichten. Wir hatten etliches aus Deutschland mitgebracht (siehe oben), aber bisher waren wir nicht viel los geworden. Da wir nichts wieder mit nach Hause nehmen wollten, hatte sie Glück und ging reich beschenkt von dannen. Oriental Pearl Tower in PuDong.
Oriental Pearl Tower in PuDong.
Das hatte sie bei der Geduld mit uns aber auch verdient. Außerdem hatten ihr die Schüler bevor wir kamen schon Happy Birthday auf chinesisch vorgesungen, was sie uns vorsorglich einen Tag vorher beigebracht hatte. Sie war heute in Spiellaune, und wir mussten (teilweise in Mannschaften) gegeneinander beweisen, was wir gelernt hatten. Ich konnte für meine Mannschaft den Sieg erringen, weil ich den chinesischen Begriff für Junge[22][22] Nán hái war es - glaube ich zumindest. fast fehlerfrei an die Tafel bringen konnte. Vielleicht waren wir aber auch deshalb siegreich, weil sich niemand traute, gegen mich anzutreten.

Nach der Schule gab es für die Schüler eine Fußmassage. Obwohl vorher viele behauptet hatten, dass sie extrem kitzelig dort unten seien und sie diese daher gar nicht aushalten würden, hat sie dann doch allen gut gefallen, obwohl die Schüler teilweise ganz schön hart ran genommen wurden. Aber das gehört zu einer richtigen Massage eben dazu. Anschließend haben die meisten das Shanghai Municipal History Museum (siehe oben) besucht. Da ich das ja gerade drei Tage vorher erkundet hatte, wollte ich mich geschickt absetzen, aber zwei Schülerinnen baten mich, sie anstelle dessen zum Skywalk zu begleiten. Der Skywalk ist eine mehr oder weniger gläserne Verbindung in der Höhe des 100. Stockwerks, so dass man prima direkt in die Tiefe schauen kann. Für bodenständige Leute mit Höhenangst also nur bedingt zu empfehlen. Ich ließ die beiden alleine dort hoch fahren, da er erstens ziemlich teuer war, und zweitens wollte ich ihn lieber bei Nacht erkunden, da wir tagsüber schon Bilder vom benachbarten Jin Mao Tower gemacht hatten (siehe oben).

Ursprünglich war geplant, anschließend den Bund und die angrenzende Einkaufspassage bei Nacht gemeinsam mit den chinesischen Getrocknete Seepferdchen in einer Apotheke.
Getrocknete Seepferdchen in einer Apotheke.
Austauschschülern zu erkunden, aber die Schulleitung sah dabei die Sicherheit der Schüler gefährdet. Insbesondere die selbstständige Rückfahrt im Taxi wurde nicht erlaubt, so dass die Schüler leider wieder um 17.00 Uhr an der Schule sein mussten, um dann von dort den gewohnten Heimweg zur Gastfamilie anzutreten.

Ich nutzte den überraschend freigewordenen Abend ein wenig, um durch eine große Mall zu streifen, und merkte dabei aber schnell, dass diese nichts für mich war. Ich wollte eigentlich nicht groß in China shoppen gehen, sondern lediglich ein paar Andenken ersteigern. Daher fand die Uferpromenade mit Blick auf den Bund mehr Anklang bei mir. Den Schülern wäre es ganz sicher anders ergangen. Da ich sowieso schon auf eigene Faust unterwegs war, steckte ich meine Nase ein wenig in die Gar-Küchen Szene. An vielen Stellen konnte man direkt an der Straße gebratene Fleisch- und Gemüsespieße erwerben und verzehren. Ich fand die, die ich ausprobierte, sehr lecker und günstig.

15.10. (Mittwoch)

Konfuzius sagt: "Draußen nur Kännchen."

Heute hatten wir erneut eine Stunde Englisch, diesmal mit einer anderen Klasse im gleichen Alter. Das Thema war erneut die Pflege der Haare. Das scheint hier im Curriculum tief verwurzelt zu sein. Bei Fragen wurden die Schüler entweder direkt aufgerufen[23][23] Sie mussten dann natürlich aufstehen und warten, bis sie sich wieder setzen (nicht widersetzen) durften. oder alle, die es wussten, riefen die Antwort in die Klasse hinein. Das ging ohne Tohuwabohu, da sie erstens leise redeten (ich habe meist nichts verstanden) und da die meisten Fragen so formuliert waren, dass es nur ein bestimmtes Wort als Antwort geben konnte. Das wurde dann im Chor von sich gegeben. Natürlich lief die gesamte Stunde erneut komplett frontal ab. Nein, eben nicht. Die Schüler machten zwischendurch Partnerarbeit. Mist, da muss man ja seine Vorurteile über Bord werfen. Das hasse ich doch so.[24][24] Ein Teil selbiger durfte ich aber behalten, denn die Klasse war dabei so leise wie unsere Schüler nur, wenn sie gerade alle krank zu Hause im Bett liegen und nicht anwesend sind.

Dann gab es erneut Musikunterricht. Diesmal sollten wir ein Lied lernen und mitsingen können. Das sollte machbar sein, gestaltete sich aber extrem schwierig, weil es nun mal nicht einfach ist, gleichzeitig eine Melodie zu lernen und (für uns) völlig sinnfreie Silben ohne Hilfe zu behalten. Bei der zweiten Zeile angekommen hatte ich - obwohl ich mich sogar anstrengte, die erste schon wieder halb vergessen. Da wären wir grandios am Singen gescheitert. Glücklicherweise merkte unsere Betreuerin dies und brachte schließlich die Silben in Pinyin[25][25] Das ist so etwas wie eine Lautschrift und eine Möglichkeit, die chinesischen Schriftzeichen mit lateinischen Buchstaben auszudrücken. an die Tafel, was uns kolossal half, so dass wir dann doch aktiv mitwirken konnten.

Danach haben wir erneut Blumen arrangiert. Ehepaar Deparade und ich hatten anschließend ein Geschäftsessen mit den hohen Tieren der Schule. Tja, wie läuft so etwas ab? Zunächst hatten wir uns auf Wunsch von Frau Cao ordentlich in Schale geworfen, so dass wir den Vormittag über in Hemd, Krawatte und Sacko bei 25°C schwitzten, nur um dann zu erfahren, dass wir overdressed waren. Die Schulleiterin kam deshalb zu spät, weil sie vorher ob unseres Auftretens gewarnt worden war und sich noch schnell etwas Besseres anziehen musste. Wir starteten also verspätet, und die Gastgeberin bestellte einiges zu Essen, was wir natürlich nicht verstanden. So ließen wir uns überraschen. Das gesamte Essen kam nach und nach natürlich auf die Drehplatte in der Mitte des Tisches, so dass jeder sich bei allem bedienen konnte. Als wir satt waren, hatten wir immerhin knapp die Hälfte der Speisen schon auf dem Tisch, aber da wir höflich sein wollten, aßen wir tapfer weiter, wenn neue Speisen aufgetischt wurden. Außerdem musste ich meine stäbchentechnische Glückssträhne auskosten. Nudeln mit Stäbchen essen.
Nudeln mit Stäbchen essen.
Die kleinen hölzernen Fingererweiterungen saßen bei dem Mahl zufällig so gut, dass ich selbst Dinge mit ihnen aufnehmen konnte, für die die Chinesen selber die eigenen Extremitäten benutzten.

Als das Essen nahezu beendet war wurde dann noch angeboten, Reis für uns zu bestellen, der bisher in dem Sortiment fehlte (siehe oben). Wir lehnten dankend ab. Das Essen schmeckte sehr gut, aber die Quallen haben mich nicht überzeugt, denn sie waren zu zäh. Auch esse ich mein Hühnchen lieber ohne Gräten, aber Chinesen finden, dass sich das beste Fleisch direkt am Knochen befindet, so dass das Huhn einfach ohne Rücksicht auf Verluste in kleine Stückchen geteilt wird und man hinterher viel Zeit und Mühe mit dem Trennen der essbaren Bestandteile vom Rest verbringt. Die scharfen Gerichte haben mir besonders gut gemundet, wobei das Problem an ihnen ist, dass sie doch teilweise die Nase zum Laufen bringen. Hochziehen oder am Ärmel Abwischen ist kein Problem, aber sich die Nase zu putzen gilt als unhöflich. Das ist doch etwas gewöhnungsbedürftig, und in manchem Restaurant haben wir trotzdem verstohlen das Taschentuch heraus geholt.

Während der Nahrungsmittelaufnahme tauschten wir viele freundliche Worte aus und lobten alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war, aber - das muss man sagen - wir waren ja auch zufrieden mit dem Verlauf des Austausches. Kleinerer Probleme muss man sehr vorsichtig ansprechen, was wir daher bei diesem Essen vermieden.[26][26] Man muss ja nicht jedes Fettnäpfchen mitnehmen. Als die Gastgeberin überraschend verfrüht aufbracht, weil sie selber unterrichten musste, wurden schnell und etwas hektisch die Gastgeschenke ausgetauscht. Wir waren gut ausgerüstet (siehe oben) und feuerten aus allen Rohren. Genauso artig nahmen wir dann unsere Geschenke entgegen.[27][27] Auspacken darf man die Geschenke in China übrigens nicht direkt bei der Übergabe öffnen sondern erst später, weil man sonst als gierig gilt. So muss das in China auch sein. Anscheinend haben wir es etwas übertrieben, da später noch weitere Geschenke an uns nachgereicht wurden. Zurück in der Schule haben wir uns mit Kalligraphie beschäftigt und eifrig Papier mit bedeutenden Zeichen und Bildern von Bambus voll gemalt. Dabei lernten wir, auch kleine Unterschiede zu erkennen und zu würdigen, und stellten fest, dass das Pinseln lange nicht so einfach ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Trotzdem brachten manche Schüler sehr schöne Ergebnisse zustande.[28][28] Über meine Ergebnisse breite ich hier lieber den Mantel des Schweigens. Fußnoten liest ja eh keiner.

Als letztes an diesem Tag gab es eine Farewell-Party für die deutschen und chinesischen Austauschschüler, über die bisher extrem spärlich Informationen geflossen waren. Moment, wir bleiben doch noch bis Montag in Shanghai, warum musste man sich dann heute schon verabschieden? Heute war unsere letzte Schulstunde gewesen. Für Donnerstag, Freitag und Montag standen Besichtigungen auf dem Programm, und am Wochenende war natürlich auch kein Unterricht. Bei der Abschiedsfeier trugen verschiedene deutsche und chinesische Schüler Lieder vor und zeigten Fotos der vergangenen Tage. Dazu gab es ein gemeinsames typisch chinesisches Spiel, was alle Schüler mit Begeisterung spielten: Der Plumpsack geht um. Erschreckend war lediglich, dass die Gäste die Melodie des dazugehörigen Kinderliedes nicht mehr annähernd richtig hin bekommen haben. Was soll nur aus so einer Jugend werden, die die elementarsten Kinderlieder nicht mehr beherrscht? Kann man dann seine eigenen Kinder noch auf das harte Leben dort draußen vorbereiten?[29][29] Die Schüler redeten sich hinterher damit raus, dass es sehr viele unterschiedliche Melodien von dem Lied gäbe. Immerhin war die chinesische Melodie bekannt. Sie entsprach "Bruder Jakob".

Selbstverständlich haben wir zum Abschluss die chinesischen Schüler ganz herzlich nach Deutschland eingeladen und schon mal mit einem der deutschesten Lieder[30][30] Spätestens von China aus gesehen liegt Österreich mitten in Deutschland, und wenn Hitler als Deutscher bezeichnet wird, dann ist Haydn ja wohl auch einer, oder? überhaupt darauf vorbereitet: Abriss von Gebäuden.
Abriss von Gebäuden.
Wir haben die Nationalhymne geträllert. Ich war ein wenig überrascht, dass alle mitgemacht haben. Sogar die Hände lagen über den Herzen.

16.10. (Donnerstag)

Konfuzius sagt: "Alle Wege führen nach Rom und mindestens genauso viele zur Schule."[31][31] Vorsicht, Konfuzius hat nicht gesagt, dass viele Wege zur Weisheit führen. Das wird nämlich gerne mal verwechselt.

Gestern dachte ich für kurze Zeit, dass wir einen schon bekannten Weg vom Hotel zur Schule fahren würden, aber ich hatte mich geirrt. Wir hatten den Weg zwischen den beiden Gebäuden schon ziemlich häufig zurückgelegt, aber jeder Taxifahrer ging die Strecke anders an. Die einen waren sehr erfolgreich und kutschierten uns für fast 20 Yuan (knapp zwei Euro) durch die Gegend, andere sind nicht so fähig und schafften die Strecke deswegen schon in 14 Yuan. Insgesamt war es beeindruckend, wie gut sich die Fahrer in der Stadt auskennen. Bei den vielen Fahrten (bisher knapp 50) sind wir nur zweimal am falschen Punkt heraus gekommen. Einmal hatte sich der Chauffeur verlesen, ein anderes Mal konnten wir ihn nicht mehr fragen, weil er schon weg war, als wir seinen Irrtum bemerkten. Nur einmal musste ich aus einem Taxi wieder aussteigen, weil der Fahrer unseren Bestimmungsort nicht kannte. Englisch sprach keiner von ihnen, aber wir hielten die gewünschte Zieladresse immer in chinesischen Schriftzeichen vor die Augen, wodurch die Navigation gut klappte. Seltsam waren die Fahrzeuglenker vor unserem Hotel. Sie schauten sich morgens an, wohin wir wollten, und winkten dann ein Taxi herbei, obwohl ihr Fahrzeug schon startbereit am Fahrbahnrand stand. Vielleicht war ihnen der Weg nicht weit genug.

Als erstes besuchten wir heute das Shanghai Museum, das über die Jahrtausende alten Handwerkskünste des ältesten noch lebenden Volkes der Erde berichtete. Die anderthalb Stunden, die uns dort zugebilligt wurden, fand ich viel zu kurz und schaffte gerade mal die ersten anderthalb Stockwerke von den angebotenen vier(?). Ich werde es wohl am Wochenende Chinesische Doppelvase.
Chinesische Doppelvase.
noch einmal besuchen. Die ersten Schüler kamen mir dagegen schon nach dreißig Minuten gelangweilt entgegen, obwohl dieses Museum alles Andere als verstaubt anmutete. Es ist erschreckend, wie ich mich verändert habe. Früher war ich es, der als erstes aus dem Museum stürmte, unseren Hund aus dem Auto befreite und dann mit ihm im Park saß und las[32][32] Um hier Missverständnissen vorzubeugen: Nur ich las., während meine Eltern sich noch in den schlecht beleuchteten Räumen vergnügten. Jetzt bin ich auch schon so alt, dass ich es genauso mache wie sie. Ich bin doch tatsächlich der Meinung, dass der Besuch so eines Museums zu einer ordentlichen Bildung dazugehört.

Anschließend besahen wir uns Shanghai aus der Vogelperspektive - allerdings anhand von Modellen. Dabei merkte man erst, wie riesig die Stadt eigentlich ist - und das, obwohl nur ein Teil dort aufgebaut war. Bedenklich war lediglich, dass die Macher in einem Vergleich der Skyline von PuDong mit anderen Städten die Oper von Sydney nach Canberra und das weiße Haus nach New York verfrachteten, aber die Städte liegen ja zumindest im richtigen Land. Außerdem wurde im Stadtplanungsmuseum dargestellt, wie die Stadt zur Expo 2010 aussehen sollte. Die Weltausstellung war - neben den gerade abgeschlossenen olympischen Spielen - das große Thema in der City.

Nach dem Essen besuchten wir den Yu-Garten, der im 16. Jahrhundert von einer reichen Familien angelegt worden war. Er glänzt durch lauschige Teiche, schön arrangierte Steine und kleine Pavillons. Das wäre auch etwas für meine Wohnung. Einer der großen Vorteile an ihm ist, dass kein Rasen gemäht werden muss, denn Gras hat in so einem Garten gar nichts zu suchen. Die Schüler wuselten fröhlich von dannen, während wir den Garten in Ruhe erkundeten und uns dann in die quirligen Massen des ihn umgebenden Basars stürzten. Gefunden habe ich dort aber nichts, da er mir zu touristisch angehaucht war.

Nachdem wir die Schüler wieder in den Bus zur Schule gesetzt hatten, nahmen wir uns die Nebenstraßen vor, in die sich weniger Touristen verliefen. Die Preise waren deutlich niedriger, und es wurde gefeilscht bis zum Umfallen. Dort machte ich den Fehler, dass ich nach dem Preis für einen Gegenstand fragte, obwohl ich gar kein Interesse daran hatte. Das erlosch komplett, als ich erfuhr, dass er 680 Yuan (ca. 70 €) kosten solle. Ich bedankte mich höflich und ging von dannen, aber die Verkäuferin folgte mir und ließ den Preis schneller sinken, als ein Eisberg die Titanic, so dass ich doch langsam wohlwollender wurde. Wir einigten uns dann auf 75 Yuan, was nicht viel mehr als zehn Prozent des ursprünglichen Preises war. Es ist erschreckend, wenn man merkt, wie groß die Gewinnspannen im Normalfall waren. Wurde ich über den Tisch gezogen, oder war es wirklich ein Schnäppchen? Keine Ahnung. Eine Kollegin suchte ob dieses Schnäppchens ein paar Tage später auch den Stand auf und drückte die Kosten sogar noch auf 60 Kröten.

17.10. (Freitag)

Konfuzius sagt: "Die spinnen, die Seidenraupen!"[33][33] Später wurde dieses Zitat irrtümlich Asterix und Obelix zugeschrieben.

Heute stand schon für sieben Uhr morgens ein Ausflug in die (wie die Reiseführerin mehrfach betonte) kleine Stadt Suzhou Abwickeln der Kokons in der Seidenfabrik.
Abwickeln der Kokons in der Seidenfabrik.
(ca. eine Mio. Einwohner) im Kalender, wodurch das Frühstück ausfiel.[34][34] Essen wird sowieso überbewertet. Auf dem Programm standen ein Hügel, eine Fabrik, ein Tempel und ein Garten - eine Menge Programm für einen Tag. Der Weg dorthin war lang und dauerte gut zwei Stunden, weil wir in eine Baustelle gerieten. Dort angekommen (in Suzhou, nicht bei der Baustelle) erklommen wir den Tigerberg - immerhin 36 Meter. Ich persönlich hätte es für angemessen erachtet, wenn die Schüler mich in einer Sänfte hoch getragen hätten, aber dazu waren sie nicht zu motivieren. Der Hügel ist die einzige Erhebung in der Umgebung, und wurde künstlich als Mausoleum im sechsten Jahrhundert vor Christus angelegt. Noch ungeklärt war, ob sich irgendwo zwischen den Steinen noch 2000 Schwerter als Grabbeilage befanden, die man gut auf einem Basar hätte verhökern können. Idylle in eine chinesischen Garten.
Idylle in eine chinesischen Garten.
Oben drauf steht die schiefe Wolkenfelsen-Pagode. Dort warteten wir ein wenig auf den dritten Bus und fuhren dann bereits zum Essen bei einer Seidenmanufaktur, wo es ein erschreckend westliches Buffet gab, und es wurde sogar mit Messer und Gabel gegessen. Ich war enttäuscht.

Auf dem Programm stand die Besichtigung der angeschlossenen Seidenfabrik, aber dieser Besuchspunkt sollte unter den Tisch fallen, was uns Lehrer gar nicht ergötzte, und als gute Deutsche taten wir unseren Unmut natürlich kund, suchten andererseits aber auch nach Lösungsmöglichkeiten. Nach ein wenig Hin und Her mit der Reiseleitung durften wir die Produktionsstätte trotz Zeitproblemen dann doch besichtigen, so wie es auf dem Programm stand. Dafür mussten wir uns entscheiden, ob wir auf den Garten oder den Tempel verzichten. Wir ließen ersteres entfallen.

In der Manufaktur wurde gut erläutert, wie die Seidenraupen freudig ihr Leben aushauchen, damit wir etwas zum Anziehen haben. Dafür muss dann schließlich nicht so vielen Polyestern das Fell über die Ohren gezogen werden. Alle Schritte von der Raupe Nimmersatt, die aber nur Maulbeerbaumblätter frisst, über die Kokons bis zum Weben der Seide konnte man live erleben und teilweise sogar anfassen. Ich bin froh, dass das geklappt hat.

Dann haben wir uns noch etwas gehetzt, einen netten chinesischen Garten angesehen[35][35] Aufmerksame Leser kommen jetzt ins Grübeln. Stattdessen ist der Tempel dann ausgefallen. Kind mit Hosenschlitz.
Kind mit Hosenschlitz.
und sind nach Hause gepilgert.

18.10. (Samstag)

Konfuzius sagt: "Wenn man schlau ist, dann kann man sich blöd stellen. Andersherum ist das schwieriger."

Diesmal war ich wieder mit Constanze Krone von der Goethe-Schule unterwegs, und so machten wir uns auf, Chongming, die zweitgrößte Insel Chinas nach Heinan[36][36] An dieser Aussage merkt man, dass ich kein Chinese bin, weil für diese die größte heimische Insel Taiwan ist., zu erobern. Das Eiland liegt vor den Toren Shanghais im Yangtse-Delta und wird immer größer, da sich einiges des Schlamms, den der Fluss mit sich führt, an ihr ablagert. Da sie weder über eine Brücke noch durch einen Tunnel erreichbar war, ging es dort viel ruhiger zu, und man sah viel Natur und sogar Landwirtschaft, so dass sie ein herrliches Kontrastprogramm zur voll gebauten und lauten Metropole bot. Spannend ist, wie sich das ändern wird, da sie bis zur Expo per Straße angebunden werden soll.

Die erste Hürde des Ausflugs war, dem Taxifahrer deutlich zu machen, wohin wir wollten, was uns allerdings dank meines OhneWörterBuchs[37][37] Ein OhneWörterBuch ist genau das: Ein Buch ohne Wörter, das allerdings als Wörterbuch fungiert. Es enthält ca. 500 kleine Bilder, mit denen man wichtige Dinge signalisieren kann, zum Beispiel "Wo fährt das Boot ab?", "Ist das Hund auf meinem Teller?" oder "Ein Tiger hat gerade mein linkes Bein gefressen. Ich möchte daher nur den rechten Schuh kaufen.", falls es denn nötig sein sollte. Man weiß ja nie. Praktisch ist, dass das Buch für so ziemlich alle Sprachen außer Vogonisch gültig ist., das mir mein Bruder mal geschenkt hatte, gelang. Wir landeten also dort, wo man die Tickets für die Überfahrt kaufen konnte, sahen uns aber mit jeder Menge chinesischen Schriftzeichen[38][38] Die einzigen lateinischen Buchstaben waren arabische Ziffern. und mindestens genauso vielen Chinesen konfrontiert, die auch alle an Bord wollten. Wir stellten uns hoffnungsvoll in eine der Reihen und bekamen während des Wartens heraus, dass das die richtige war. Es ging nur sehr stoßweise vorwärts, weil die Karten nur jeweils eine bestimmte Zeit vor der Abfahrt verkauft wurden. Nach mehr als einer Stunde hatten wir endlich zwei Tickets für die Überfahrt ins gelobte Land[39][39] Anders konnte ich mir diesen Andrang nicht erklären. in der Hand, aber die Abfahrt war noch über einer Stunde hin, da alle Verbindungen zuvor ausgebucht waren. Außerdem hatten wir keine Ahnung, ob wir mit einem schnellen oder langsamen Boot unterwegs sein würden. Auskünfte von Mitreisenden, so wir uns denn verständlich machen konnten, variierten zwischen einer und zwei Stunden Fahrtdauer.

Wir schauten uns schon mal die Wartehalle an, wo gerade der Check-In für ein früheres Boot begann, und meine Kollegin schlug vor, uns doch einfach mal versuchsweise in die Schlange einzureihen. Gesagt - getan, unsere Karten wurden wie selbstverständlich abgerissen, und wir wanderten aufs Schiff. Das wirkte zwar schnell sehr klein, so dass ich die Schnipsel, die ich in der Hand trug, genauer musterte und feststellte, dass wir nummerierte Sitzplätze hatten. Tja, da würde unsere Dreistigkeit wohl auffallen. Wir ließen erst mal die anderen Passagiere einsteigen und setzten uns auf zwei der wenigen freien Plätze. Geschafft! Halt, so schnell nicht. Als alle saßen kam noch ein kleiner Schwung zusätzlicher Reisender, die sich über die noch vorhandenen Sitzplätze ergoss. Auf unsere wollte aber freundlicherweise keiner, so dass wir aufatmeten, als der Boot ablegte und Kurs auf die Insel nahm, die es eine knappe halbe Stunde später erreichte. Da wir lernfähig waren, wollten wir uns zuerst die Rückfahrt sichern, aber das ging nicht. Die wurde erst am Nachmittag verkauft.

Eigentlich wussten wir gar nicht so ganz, wo genau wir auf der Insel hin wollten, aber wir fanden jemanden, der genug Englisch sprach, um uns eine Stelle zu empfehlen, an der wir Landwirtschaft sehen konnten. Mit dem Input fütterten wir unseren Taxifahrer, und der fuhr uns dann freudestrahlend in ein Erholungsgebiet am anderen Ende der Insel. Erst waren wir skeptisch, aber es stellte sich heraus, dass wir dort richtig waren. Einerseits trafen wir Einheimische, die dort Fischzucht und Landwirtschaft betrieben, andererseits besichtigten wir ein neu erbautes ökologisches Dorf. Flüchtender Straßenhändler.
Flüchtender Straßenhändler.
Dazu kam, dass es sehr ruhig war, was uns nach dem dauernden Lärm in der Großstadt gut tat.

Am Nachmittag holte uns unser Chauffeur wie vereinbart ab, und wir fuhren mit dem letzten Schiff zurück zum Festland. Glücklicherweise gab es diesmal keine langen Schlangen. Diesmal hatten wir sogar die richtigen Fahrkarten. Auf dem Weg zurück zum Hotel rief uns Fritz Deparade an, der noch auf den Skywalk (siehe oben) wollte. Wir gaben dem Fahrer also die neue Adresse und schlichen durch die Staus, während meine Kollege und seine Frau sich schon in der Schlange anstellten, so dass wir uns vor dem World Financial Center an vielen Leuten vorbei drängten, bis wir nahe am Eingang Gruppenwiedervereinigung feiern konnten. Oben trafen wir sogar noch eine Schülerin von uns samt hiesiger Familie. Den Skywalk an sich fand ich nicht so überzeugend. Er war nicht so atemberaubend, wie ich ihn mir vorgestellt hatte, und ein paar vorbeiziehende Wolken trübten die schöne Aussicht. Außerdem hetzten die anderen - erschöpft vom Tage - wieder 'gen Ausgang. In Japan haben wir an solchen Stellen stundenlang oben verweilt.[40][40] Vgl. http://familie-ahlers.de/autor/2007_japan/index.html.

19.10. (Sonntag)

Konfuzius sagt: "13 Tage sollst du etwas besichtigen, aber am 14. sollst du ein wenig ruhen."

Diesmal ließ auch ich es mal etwas geruhsamer angehen und schlief aus bis Acht. Das Xiantiandi war dann der erste Anlaufpunkt. Dieses Viertel sollte ursprünglich abgerissen werden, stattdessen wurden die Shikumen-Häuser renoviert und dienten nun als Unterschlupf für Kunstläden und Kneipen der anspruchsvolleren Art. Endlich konnte man in Shanghai auch irgendwo draußen einen Kaffee trinken, so wie es in Italien, Spanien und vielen anderen Ländern Gang und Gäbe ist. Chinesische Senioren spielen im Park.
Chinesische Senioren spielen im Park.
Insgesamt mutete es nicht nur deswegen sehr europäisch an, sondern auch weil es zum Beispiel ein Paulaner Brauhaus gab, in dem chinesische Frauen im Dirndl nach deutschen Reinheitsgebot gebrautes Bier servierten.

Danach besuchte ich erneut das Shanghai-Museum, um mir auch die anderen Ausstellungen anzuschauen. Ich gönnte mir einen Audioguide, der mit vielen Zusätzlichen Informationen aufwartete und den Besuch noch informativer machte. So wusste ich bald, dass "der Bruder mit dem quadratischen Loch" in China Geld bezeichnete[41][41] Die chinesischen Münzen besaßen früher ein quadratisches Loch in der Mitte.. Alle Chinesen, die ich danach fragte, wussten das allerdings nicht. Anschließend trafen wir uns in der Nähe vom Yu-Garden, um nun doch ein wenig zu shoppen[42][42] Es war dann aber doch nur ein wenig mehr als eine Stunde.. Herr Deparade nahm sich in der Zwischenzeit der Schülerinnen an, die ohne Programm zu Hause rumgesessen hätten, weil ihre Gastgeber für die Schule arbeiten mussten. Wichtig war uns dabei, dass es kein Konkurrenzprogramm sein sollte. Unternehmungen mit ihren Austauschschülern sollten unbedingt Priorität besitzen. Die Fünf haben sich gemeinsam den Jadebuddha-Tempel angeschaut, der bei mir eine Woche eher dran war, und die dortige Umgebung erkundet.

20.10 (Montag)

Konfuzius sagt: "Überbringe schlechte Nachrichten so spät wie möglich und am besten nie."

Ich hatte ganz ordentlich geschlafen, denn diesmal hatte die Hiobsbotschaft meinen Kollegen und nicht mich erreicht: Ein Schüler war um zwei Uhr in der Nacht ins Krankenhaus eingeliefert worden. Er hatte wohl eine große Verstopfung und Blut im Stuhl. Es war noch nicht klar, ob er am Abend mit uns in der Bahn nach Peking fahren könnte. Das hätte bedeutet, dass ein Lehrer in Shanghai bleiben müsste. Glücklicherweise schwächte sich die Diagnose im Laufe des Tages deutlich ab, so dass er schon ab Mittag wieder auf den Beinen war. Aber erst mal zurück zum Vormittag.

Die Sachen waren schnell gepackt, da ich sowieso ziemlich gut Ordnung gehalten hatte. Beim Auschecken gab es eine kleine Schlange und ein paar Chinesen, die sich eifrig vordrängelten - eine Sportart, in der sie Meister sind. Überall wird gedrängelt und geschoben, und wenn man jemanden anrempelt, dann ist das kein Grund, um Entschuldigung zu bitten. Eigentlich seltsam, da uns die Leute sonst überall sehr freundlich und hilfsbereit begegnet sind. Besonders die Kellner waren sehr geduldig, während wir ihnen versuchten zu verdeutlichen, was wir eigentlich essen wollten. Das war immer spannend, wie auch schon teilweise oben beschrieben. Für meine Ohren befremdlich war nach wie vor die Sprache. Wenn sich zwei Chinesen normal unterhalten, dann klingt das vom Tonfall, von der Artikulation und von der Lautstärke her so, als würden sie sich gleich an die Gurgel gehen. Gurgel ist dabei ein Stichwort für eine andere Eigenart, die glücklicherweise deutlich auf dem Rückmarsch ist: das Ausspucken. Dabei wird dir die Spucke geräuschvoll von tief unten Hochgezogen und dann kunstvoll in die Gegend katapultiert - zur Not auch in Gebäuden. Da würden sich unsere Fußballspieler sicherlich heimisch fühlen.

Aber zurück zum Hotel: Das Abgeben der Keykarte und das Bezahlen klappt ohne Probleme. Einige Fahrtteilnehmer bemängelten zwar, Chinesisches Mädchen vor einem Springbrunnen.
Chinesisches Mädchen vor einem Springbrunnen.
dass Frau Cao nicht wie propagiert anwesend war, aber ich hielt das nicht für nötig. Mich störte eher die Informationspolitik, die sie verfolgte. Die fand ich suboptimal, und damit war das Wort des Tages geboren. So sollten wir zum Beispiel laut Programm um acht Uhr von der Schule abgeholt werden, aber als wir nachfragten, weil sie vorschlug, um genau diese Uhrzeit gemütlich auszuchecken, erfuhren wir, dass wir erst eine Stunde später abfuhren. Es sollte übrigens zu einem Vortrag der AHK (Auslandshandelskammer) gehen, aber keiner wusste warum und wieso. Plötzlich sollten Ehepaar Deparade und ich direkt vom Hotel ohne Umweg über die Schule zum Vortrag fahren, was wir dann auch machten, weil sowieso kein Taxi zu kriegen war.

Die Schüler vereinten sich indes mit denen der IGS List und kamen wegen des Verkehrs und eines Blechschadens, den der Bus angerichtet hatte, eine dreiviertel Stunde zu spät dort an. Das war aber nicht schlimm, da wir just in dem Moment erfuhren, dass der Vortrag abgesagt worden sei. Suboptimal! Also nahmen wir in der Schule unser Mittagessen zu uns und warteten auf das Nachmittagsprogramm. Schließlich ging es in die Altstadt nahe des Yu-Gartens mit Zeit zur freien Verfügung. Ich hatte ursprünglich gedacht, dass es sinnvolles Programm geben würde, aber damit hatte ich mich geirrt. Eigentlich waren die Schüler schon oft genug shoppen gewesen, so dass sie sich diese Zeit auch hätten sparen können. Eigentlich hatte es auch zur Nanjing Road gehen sollen, was diesmal an der suboptimalen internen Kommunikation zwischen den Schulen lag.

Abends enterten wir den Bahnhof, dessen VIP-Wartehalle sich teilweise in deutscher Hand befand, was bei mehr als 100 Personen nicht überraschend war. Klar, dass hier einiges an Sicherheitsspielraum eingeplant war, so dass wir genügend Zeit hatten. Ursprünglich sollten wir alle in rein deutschen Kabinen untergebracht werden, dann stellte sich heraus, dass immer nur mindestens zwei Personen zusammen in einer Vierer-Kabine schlafen würden. Als wir die Fahrkarten bekamen, kristallisierte sich schnell heraus, dass manche von uns einzeln (mit drei Chinesen) die Nacht verbringen müssten (auch suboptimal). Mal hieß es dazu von Frau Cao, dass sie einen, mal zwei Monate vorher gebucht hätte, aber da schon zu viel vergeben gewesen worden sein. Das kann aber gar nicht sein, da sich die Zugfahrt noch kurze Zeit vorher geändert hatte. Außerdem war sehr erstaunlich, dass sich alle gebuchten Betten oben befunden hatten. Die sind nämlich billiger.[43][43] Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Glücklicherweise war es wirklich erster Klasse, so dass das Klientel sehr ruhig war. Ich schlief übrigens sogar mit vier anderen zusammen, da ein Vater sich mit seinem ca. siebenjährigen Sohn eine Pritsche teilte.

21.10. (Dienstag)

Konfuzius sagt heute nichts, denn: "Der weise Mann weiß, wann er zu schweigen hat."

Die Nacht war in Ordnung, und die meisten Schüler wurden dadurch positiv überrascht. Als erstes fuhren wir zum Hotel, und jede Gruppe bekam zwei Zimmer, Die Verbotene Stadt.
Die Verbotene Stadt.
so dass sich die Schüler etwas frisch machen und außerdem frühstücken konnten. Dann ging es wieder auf die Piste. Der Tiananmen-Platz (Platz des himmlischen Friedens) ist der größte innerstädtische öffentliche Platz der Welt und darüber hinaus ziemlich langweilig, da er - wie bei Plätzen üblich - vor allem aus Pflastersteinen bestand. Das 'Maosoleum' brachte mir dabei auch nicht genug Auflockerung ins Spiel, obwohl es den langen Schlangen nach zu urteilen für die Einheimischen der Hit sein musste. Wir besuchten den Platz trotzdem genau wie anscheinend sämtliche 13.000.000 Einwohner von Beijing. Tatsächlich stellte sich diese Vermutung schnell als falsch heraus, da sich mindestens genauso viele Personen in der direkt nördlich davon liegenden Verbotenen Stadt tummelten. Wahrscheinlich wollten alle diese Personen nachholen, dass ein Besuch des Kaiserpalastes 500 Jahre lang verboten und erst seit Anfang des 20. Jahrhundert möglich war. Die Anlage war nett anzusehen, strahlte aber aufgrund der Enge und dem Schubsen und Drängeln der Chinesen wenig von der Erhabenheit der alten Zeit aus. Insbesondere wenn es darum ging, einen Blick in eine der Hallen zu werfen, wurde so sehr von allen Seiten geschoben, dass es schon schwierig war, die Kamera mal für ein Bild ruhig zu halten. Mir als Kaiser hätten außerdem die fehlenden Bäume in den Anlagen die Petersilie verhagelt, aber runde Bäume passen laut Feng Shui halt nicht in einen eckigen Palast.

Nach dem Mittagessen waren der Tiananmen-Platz und die Verbotene Stadt sicher wie ausgestorben, denn dann stapelten sich alle Touristen beim Himmelstempel genau wie wir, so dass auch hier nicht genug Muße zum Genießen der wirklich prachtvollen Gebäude aufkam. Immerhin erklärte unsere Führerin deutlich mehr als die, die in Shanghai für uns zuständig gewesen war, so dass wir mehr Hintergrundinformationen bekamen. Schade nur, dass die meisten Schüler das nicht zu würdigen wussten. Ich glaube, an solchen Stellen hätten sie mehr mitnehmen können. Abends gab es Peking-Ente im Hotel, aber die hat uns nicht überzeugt. Der Anteil der Ente war extrem niedrig gehalten und schmeckte nicht überragend, genau wie auch die anderen angebotenen Gerichte. Da hatten wir in den letzten Tagen schon deutlich besser gegessen.

Als ich gerade meine Dusche beendet hatte, rief Frau Cao an und meinte, ich müsste mein Zimmer wechseln. Zwei Schülerinnen einer anderen Schule würden in meine Behausung einziehen. Der Grund dafür war schnell gefunden: Das Hotel hatte ein Doppelzimmer zu wenig frei, so dass die Mädchen in eine Suite einquartiert werden mussten. Das sollte nun ich zusammen mit Steven, einem Angestellten von Frau Cao, bekommen. Ich war mit dem normalen Zimmer eigentlich zufrieden, aber Frau Cao drängte darauf, weil sie meinte, es gäbe nur Geschrei, wenn zwei Schülerinnen so bevorzugt würden. Außerdem stünde es mir als Lehrer eher zu. So ganz von der Hand zu weisen war das zwar nicht, aber ich hatte das Gefühl, Steven wollte unbedingt das bessere Zimmer ergattern. Ich ließ mich natürlich gerne überreden, so dass ich umzog und die Annehmlichkeiten eines zweiten Badezimmers, einer großen Eckbadewanne und eines großen Wohnzimmers (in dem dann mein Mitbewohner nächtigte) genoss. Nervig war nur, dass die Sicherung des Öfteren fürs Stromsparen sorgte. Da war ich sehr froh, dass mein Laptop nicht jedes Mal den schon geschriebenen Reisebericht ins Nirvana beförderte. Außerdem schien der Raum nachtragend zu sein. Nachdem er dies gelesen hatte, ließ er mich das nächste Mal nicht mehr mit meiner Keykarte hinein.

22.10. (Mittwoch)

Konfuzius sagt: "Auf der Mauer, auf der Lauer liegt 'ne kleine Wanze."

Als erstes besuchten wir die Chinesische Mauer. Als erstes? Nein, erst fuhren wir eine Jadefabrik an, die nicht im Programm verzeichnet war - Chinesische Mauer im Nebel.
Chinesische Mauer im Nebel.
und das aus gutem Grund: Man konnte lediglich drei Leuten beim Vollenden von vorgefertigten Teilen zusehen und ansonsten nur eines tun: zu überteuerten Preisen einkaufen.[44][44] Dafür bekam man beim Aussteigen aus dem Bus ein Kärtchen, das man beim Einkauf vorzeigen musste. Meine Vermutung: Darauf stand der Name der Person, die uns hergeschleppt hatte, damit diese je nach Höhe des Einkaufs einen Bonus bekam. Dafür waren wir nicht hier, konnten trotz Meckerns den Aufenthalt aber nicht viel verkürzen.

Die Große Mauer ist angeblich das einzige Bauwerk, das man vom Mond aus mit bloßem Auge erkennen kann.[45][45] Das ist allerdings nur eine Legende, die der Schriftsteller Richard Halliburton 1938 schuf. Da sieht man mal: Lesen bildet doch nicht unbedingt. Zumindest ist es aber mit 6000 km eines der längsten von Menschen geschaffenen Objekte und von sich aus äußerst beeindruckend. Schön wäre sie lediglich gewesen, wenn das Wetter mitgespielt hätte, denn den Nebel, der sich den ganzen Tag nicht lichtete, hatten wir nicht bestellt. Angenommen, jeden Tag besuchen 100.000 Menschen den größten Friedhof der Welt[46][46] Beim Bau sind unter den brutalen Arbeitsbedingungen sehr viele Menschen gestorben. Die meisten wurden gleich im Fundament mit eingearbeitet. Daher bringt es laut Feng Shui schlechtes Karma, das Bollwerk zu besuchen. Deshalb sollte man vorher unbedingt Jade berühren, besser noch kaufen (siehe oben)., dann müsste im Durchschnitt ca. alle 30 Meter ein Tourist stehen. Warum drängeln die sich dann alle so dicht um uns herum? Tatsächlich war es aber nicht so schlimm wie am gestrigen Tag. Wir erklommen also den steilen Pfad bis zum höchsten Punkt der Mauer (zumindest in dieser Umgebung) und genossen den Blick ins Grau.

Für das Essen bekamen wir viel Zeit, aber rein zufällig befand sich im Erdgeschoss eine Fabrik für Vasen samt großem Verkaufsareal. Da unsere Führerin schnell verschwand und sich versteckte, mussten wir auch dort unnötig lange ausharren, bis es weiter ging.

Anschließend ging es für eine Erfrischung zurück ins Hotel und abends wieder auf die Piste. Wir besuchten eine Art akrobatischen Zirkus. Die Vorstellung war erstaunlich und bot deutlich mehr, als ich mir erhofft hatte. Einziges Problem waren mal wieder die extrem spärlich gestreuten Informationen. Da uns nicht gesagt wurde, was unser Plätze waren, gab es ein großes Durcheinander im Theater, und es dauerte ewig, bis alle saßen. Daran wurde erneut deutlich, dass chinesische Schüler ganz anders geschult Chinesische Akrobaten im Zirkus.
Chinesische Akrobaten im Zirkus.
sind als deutsche, was sich auch bei den Besichtigungen immer wieder bemerkbar machte. In China können die Schüler gut dem Lehrer folgen, und es reicht, wenn man etwas einmal sagt. Genau davon sind unsere Führungen immer ausgegangen. In Deutschland arbeiten die Schüler selbstständiger und wollen Sehenswürdigkeiten alleine erkunden. Dafür muss man viele Sachen mehrfach verkünden, damit auch der letzte weiß, wo wir uns wann treffen.

23.10. (Donnerstag)

Konfuzius sagt: "Ente gut, alles gut!"

Als erstes war Packen und Auschecken angesagt, was problemlos funktionierte. Das Wetter zeigte sich von seiner glänzenden Seite mit strahlend blauem Himmel aber frischen Temperaturen. Eigentlich war es schade, dass wir nicht an diesem Tag zur Mauer fuhren, aber der Sommerpalast, in dem die Herrscher Chinas in der warmen Jahreszeit lebten, wenn es in der verbotenen Stadt erst recht nicht auszuhalten war, eignete sich auch prima, um den goldenen Herbst zu genießen. Die Anlage ist sehr schön und groß, so dass man trotz der mehr als vielen Touristen[47][47] Wer hätte das geahnt? Plätze fand, an denen es ruhig zuging. Dann stand noch zweimal Shopping auf dem Programm. Wir besuchten zwei verschiedene große Märkte, Wandelgang des Sommerpalasts.
Wandelgang des Sommerpalasts.
in denen es fast alles zu kaufen gab, so dass man seine letzten Yuan investieren und seinem in den vergangenen Tagen fleißig trainierten Verhandlungsgeschick den letzten Schliff geben konnte. Hinterher waren die Schüler extrem glücklich, und die Geschichten, die im Bus die Runde machten, klangen wie die Sagen vom letzten Angelausflug: "Der wollte soooooo viel Geld haben, aber ich habe ihn soooooo stark herunter gehandelt."[48][48] Wenn man den Legenden glaubt, dann müssen die Händler an dem Tag riesige Verluste eingefahren haben. Die haben alle Waren unter Einkaufspreis herausgegeben, weil unsere Schüler so nett gelächelt haben.

Nach dem Abendessen sangen wir Karaoke in kleineren Gruppen und einzelnen Räumen, und dann sollte es direkt 'gen Flughafen gehen, aber die deutschen Schüler machten mal wieder das, was sie während des Austausches besonders gut konnten: Kotzen und schwach werden.[49][49] Bei den hygienischen Bedingungen, die sich auf mancher Toilette fanden, ist das nicht so wahnsinnig erstaunlich. Toilettenpapier fand sich dort dagegen nicht. Diesmal traf es je eine Schülerin der IGS List und der Goethe-Schule, so dass wir von der Ricarda immerhin aus dem Schneider waren. Während die beiden Damen und je ein Lehrer als Begleitung ins Krankenhaus gesandt wurden, fuhr der Rest zum Flughafen, wo wir uns dann glücklicherweise kurz vor dem Abflug wieder alle vereinigen konnten. Wahrscheinlich lag es an der Übermüdung, die durch den langen Tag und die kurze Nacht zuvor bedingt war. Flughafen von Beijing.
Flughafen von Beijing.
Um zwei Uhr bestiegen wir dann das Flugzeug nach Frankfurt.

24.10. (Freitag)

Konfuzius sagt: "20 Prozent auf alles, außer auf Tiernahrung!"

In Frankfurt hätten wir ursprünglich gemütliche zwei Stunden Zeit gehabt, um die reservierten Bahnplätze nach Hannover zu erreichen, aber der Flieger flog wegen Gegenwind so langsam, dass uns lediglich 40 Minuten blieben. Also nahmen wir die Beine und die Koffer in die Hand und sausten los - zumindest wären wir das, wenn wir nicht so weit außen am Flughafen angedockt hätten, dass es sowieso utopisch war und wir eine Stunde später fuhren. Wahrscheinlich hätten wir es so oder so nicht geschafft. Immerhin sind alle Schüler heil und wohlbehalten in Hannover angekommen und das, obwohl eigentlich zehn Prozent Schwund noch durchaus erträglich sind. Es war also eine erfolgreiche Reise - oder doch deswegen gerade nicht?